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Der Goldschatz von Eberswalde

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Durch eine Gesetzesinitiative der Moskauer Stadtduma scheint die Rückführung des 1945 nach Russland verschleppten Fundes noch dieses Jahr möglich

Berlin (MeinGeld) - Das Nordbrandenburger Städtchen Eberswalde feiert im Juni 750-jährigen Geburtstag, außerdem zelebriert der 43.000-Einwohner-Ort im September den Brandenburg-Tag. Ein ganz anderes Ereignis könnte Eberswalde bald über alle regionalen Grenzen hinaus bekannt machen: Der beinahe schon sagenhafte Eberswalder Goldschatz – derzeit noch hinter verschlossenen Türen in Moskau deponiert – kehrt möglicherweise bald nach Deutschland zurück. Der Schatz war 1913 bei Ausgrabungsarbeiten auf dem Gelände eines Messingwerkes bei Eberswalde entdeckt worden. Er wurde zunächst dem deutschen Kaiser geschenkt, dann aber dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte übergeben. 1945 verschleppte ihn die Sowjetarmee nach Russland. Das aus 81 Teilen bestehende und 2,6 Kilogramm schwere Relikt, der größte deutsche Goldfund aus der Bronzezeit (9. Jahrhundert vor Christus), ist somit seit 59 Jahren Beutekunst. Gelagert wird er in den Katakomben des Moskauer Puschkin-Museums. Bis Mitte der 90er Jahre wurde der Fund von Russischer Seite geheim gehalten. Und auch heute halten die russischen Hüter des Schatzes den Fund unter Verschluss.

Jüngste politische Ereignisse in Moskau stellen die Rückführung des Schatzes noch dieses Jahr in Aussicht. Die Moskauer Stadtduma verabschiedete einstimmig eine Gesetzesinitiative, die den Umgang Russlands mit der Beutekunst verändern soll. Vergangenen April wurde sie der Staatsduma vorgelegt.

Seit 1998 gelten in Russland Kunsttrophäen, die von der Sowjetarmee beschlagnahmt wurden, als Staatseigentum. Das Gesetz ist international höchst umstritten, da die russische Regierung gegen die – von Russland anerkannte – Haager Landkriegsordnung von 1907 verstößt, die das Verschleppen von Kulturgut verbietet. Mit dem Gesetz wollte Russland vor allem die deutschen Kunst- und Kulturschätze sichern, da sich die Geheimbestände im Verlauf der 90er Jahre nicht mehr verleugnen ließen. Dieser Umstand trug nicht gerade zur Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen bei. Zumeist wurde das Thema von beiden Seiten eher ausgeblendet.

Der Abgeordnete der Moskauer Stadtduma, Mikhail Moskvin-Tarkanov, verfasste die Gesetzesinitiative, die das russische Beutekunstgesetz abändern und deutsche Kunst- und Kulturgüter zurückbringen soll. „Das derzeitige Staatsgesetz blockiert Rückführungen. Der Eberswalder Schatz ist nur einer von vielen Gegenständen. Wir müssen prüfen, inwieweit es möglich ist, die Restitution zu fördern“, sagte Moskvin-Tarkhanow im Gespräch mit „MeinGeld“. Mit der Rückführung des Eberswalder Schatzes will der 61-Jährige ein Zeichen setzen und somit zur Verständigung der beiden Länder einen erheblichen Beitrag leisten. Denn, trotz der allgemein freundlichen Beziehungen, die beide Staaten zueinander pflegen, bestünden zum Teil immer noch Ressentiments, so der Politiker. Zweiter Weltkrieg und Eiserner Vorhang seien bei vielen noch in den Köpfen vorhanden.

Ausgangspunkt für Moskvin-Tarkhanov, sich um die Rückführung des Eberswalder Schatzes einzusetzen, war ein Besuch in Eberswalde Ende 2002, den der Internationale Delphische Rat (IDC) von Berlin aus in die Wege leitete. Moskvin-Tarkhanow selbst ist Berater der Delphischen Bewegung, die die weltweite friedliche Verständigung in Form der aus der Antike stammenden Delphischen Spiele etablieren möchte. Dies ist so etwas wie die Olympiade der besten Künstler, die sich im internationalen Wettbewerb miteinander messen. Moskvin-Tarkhanov und der Vorsitzende der Stadtduma Moskau, Vladimir M. Platonov, besichtigten im November 2002 das Eberswalder Museum, das eine Nachbildung des berühmten Schatzes ausstellt. Seitdem setzen die beiden Moskauer Politiker alles daran, den Weg für die Rückführung des Goldfundes zu ebnen.

„Die Zeiten haben sich geändert. Heute ist ein pragmatisches Denken sinnvoll, um internationale Kontakte zu fördern“, sagt Moskvin-Tarkhanov. Das Thema Rückführung von Kunst- und Kulturgütern dürfe nicht als Angelegenheit für Verletzungen und falschen Stolz missbraucht werden. Restitution ist für den Politiker „keine Sache der Schwäche, sondern ein Symbol für Kraft“. Moskvin-Tarkhanov betrachtet es als „Zeichen der Verständigung und Versöhnung“. „Deutsche Truppen haben damals russische Städte zerstört, russische Truppen im Gegenzug deutsche Städte. Die Ereignisse sind sicherlich eine Tragödie. Dennoch dürfen und können sie nicht Basis für eine künftige Verständigung der beiden Länder sein“, unterstreicht Moskvin-Tarkhanov. „Wir sollten die Vergangenheit nicht vergessen, sondern daraus lernen.“

Weiter betont Moskvin-Tarkhanov, dass die „Perestroika-Phase beendet ist“. Russland befinde sich nun in der Phase der Rückbesinnung auf die Zeit vor den Weltkriegen. So verbinde man in seinem Land Deutschland auch mit einer Kulturnation, die von Namen wie Goethe, Schiller oder Hegel geprägt wurde. Die Kooperation zwischen Russland und Deutschland sei perspektivisch gesehen enorm wichtig und reizvoll. „Es geht hier aber weniger um sentimentale Momente. Es geht um eine sehr gute Verständigung, die Deutschland und Russland in Zukunft stark machen.“

Das einstimmige Votum der Moskauer Stadtduma für die Gesetzesvorlage, das Beutekunstgesetz Russlands zu verändern, ist nach Moskvin-Tarkhanovs Worten „ein Lehrstück für künftige politische Entscheidungen Russlands“. Der studierte Rechtsanwalt ist guten Mutes, dass der russische Staatspräsident Wladimir Putin sich ernsthaft mit der Rückführung der Kunst- und Kulturgüter beschäftigt und somit „neue Kräfte für Russland“ bewegen kann. Die Staatsduma wird die Gesetzesvorlage in den kommenden Wochen diskutieren. Verabschiedet sie das Gesetz, muss dies vom Föderationsrat und vom Präsidenten bestätigt werden. Mit der Unterzeichnung durch den Präsidenten würde das Gesetz in Kraft treten.

Dass Moskvin-Tarkhanov die Moskauer Stadt-Parlamentarier von seiner Idee überzeugen konnte, belegt auch das Protokoll der Duma-Tagung vom 18. Februar dieses Jahres, das unserem Magazin vorliegt. An dem Tag wurde der Gesetzesentwurf einstimmig angenommen. Im Detail lautet er: Gesetzentwurf „Zur Änderung und Ergänzung des Artikels 22 des föderalen Gesetzes ,Über Kulturgüter, die im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verbracht wurden und sich auf dem Staatsgebiet der Russischen Föderation befinden’“. (Konkret ging es bei der Debatte auch darum, es zu ermöglichen, einen russisch-deutschen Vertrag zu schließen, der auf beiderseitige Rückgabe von archäologischen Wertgegenständen abzielt. Namentlich wurde die Rückführung des Eberswalder Schatzes sowie die Rückführung der Gegenstände aus der Sammlung des Museums in Kertsch (Ukraine) genannt.) So äußert sich ein Abgeordneter zu dem Thema: „Ja, in der Tat, alle Kriege gehen irgendwann einmal zu Ende, und es muss einen zivilisierten Ausweg aus dieser Situation, einen zivilisierten Dialog zwischen den ehemaligen Feinden geben. Heute wird viel über verschleppte Kulturgüter gesprochen. Ich denke, dass, wenn sich die ehemaligen Kriegsgegner normal verstehen werden, diese Güter letztendlich sicher ihren gemeinsamen Besitzer finden. Das ist ein Gut der ganzen Welt. (...) Deshalb denke ich, dass dieser Dialog begonnen werden muss, indem diese Initiativen auf die föderale Ebene gebracht werden. Ich meine, wir werden dazu beitragen. Ich werde mit ,Ja’ stimmen.“

Moskvin-Tarkhanov ist nicht nur innerhalb der russischen Lobby bemüht, sein Anliegen mitzuteilen. So kommuniziert er regelmäßig mit deutschen Politikern und besonders mit denen des Berliner Abgeordnetenhauses. Erst kürzlich traf er Walter Momper, den Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin.

„Die Rückführung des Eberswalder Goldschatzes steht ganz oben auf der Prioritätenliste der Bundesregierung“, lässt die deutsche Kulturstaatsministerin Christina Weiss mitteilen. Auch werde das Thema Rückführung regelmäßig bei Konsultationen russischer und deutscher Vertreter behandelt. Ob es noch dieses Jahr mit der Rückführung des Eberswalder Fundes klappen könnte, sei aber noch nicht absehbar.

In Eberswalde jedenfalls ist man gespannt, was daraus wird. So betont die Sprecherin des Eberswalder Bürgermeisters Reinhard Schulz (parteilos), dass eine Rückführung einen erheblichen Imagegewinn der Stadt zur Folge hätte. Schulz selber hat mit der Moskauer Statdtduma Kontakt. Weiter schrieb Schulz an Putin sowie an das russische Kulturministerium, um das Interesse Eberswaldes an dem Schatz zu bekunden. Auch die Leiterin des Eberswalder Museums, Ingrid Fischer, würde sich freuen, den Besuchern endlich einmal das Original, und nicht nur die Nachbildung des Schatzes, in ihrer Vitrine bieten zu können. Allerdings weiß sie, dass dies im Falle einer Rückführung nur für kurze Zeit sein würde. Der Schatz würde schließlich in Berlin seinen Platz finden.

Denn die Eigentümerin des Schatzes ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte gehört. Dort wurde der Eberswalder Schatz bis zum Zweiten Weltkrieg aufbewahrt. Zusammen mit dem „Schatz des Priamos“ wurde der Eberswalder Schatz mit mehr als 1500 Funden des Berliner Museums nach Kriegsausbruch in drei Kisten verpackt, die im Januar 1941 in den Tresor der Preußischen Staatsbank und im November in den Flakturm am Zoo gebracht wurden. Von dort haben sie sowjetische Soldaten in die Eremitage nach St. Petersburg und ins Moskauer Puschkin-Museum abtransportiert. „Es handelt sich dabei um Spitzenfunde des Museums“, weiß Wilfried Menghin, der heutige Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Über den Verbleib des Eberswalder Schatzes, dessen Wert Menghin auf rund drei Millionen Euro schätzt, weiß er seit 1994 Bescheid. Jahrzehntelang hatte die Direktorin des Puschkin-Museums, Irina Antonowa, die als junge Kunstoffizieren den Erhalt des Schatzes quittiert hatte, dessen Existenz in ihrem Museum geleugnet. Den Ärger vieler Wissenschaftler zog sie kürzlich auf sich, als sie dem Fernsehteam von Spiegel-TV einen Teil des Schatzes präsentierte. Deutschen Wissenschaftlern und Archäologen ist dies bislang verwährt geblieben.

Natürlich würde sich Menghin über eine Rückführung des Eberswalder Schatzes freuen. Jedoch sagt er auch: „Er ist nur ein Teil von vielen Kunst- und Kulturschätzen, die nach Russland gebracht wurden und heute noch dort deponiert werden.“ Dass die mehr als 200.000 Kunstwerke, die damals nach Russland transportiert wurden, sowie zahllose Bücher und Archivbestände deutscher Herkunft in nächster Zeit wieder zurückkommen, glaubt er nicht. „Die russische Öffentlichkeit würde das momentan nicht akzeptieren. Weiter würden sämtliche russische Veteranen auf die Barrikaden gehen.“ Menghin schätzt, dass noch einige Zeit ins Land ziehen muss, um einen Großteil der Restitutionen zu verwirklichen. Trotzdem begrüßt der Museumsdirektor die Initiative Moskvin-Tarkhanovs. Sie könnte ein wichtiger Schritt für künftige Rückführungen der Kunst- und Kulturgüter sein.

Gian Hessami
Redaktion
Wirtschaftsmagazin MeinGeld


Web: http://www.meingeld-magazin.de


Für den Inhalt der Pressemitteilung ist der Einsteller, Gian Hessami, verantwortlich.

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