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Buchkritik: Das Ende einer Debatte

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Heimo Schwilk beschreibt Leben und Werk Ernst Jüngers


Vor kurzem berichtete Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) http://www.faz.net darüber, dass Ernst Jüngers Haus, die Oberförsterei in Wilflingen, dringend sanierungsbedürftig sei. Insbesondere die Nässe setze dem Gebäude zu. Doch es fehle an den finanziellen Mitteln, um den Bau wieder instand zu setzen. Wie sieht es aber um Jüngers geistiges Erbe, sein Vermächtnis aus – wenige Monate vor seinem zehnten Todestag am 17. Februar 2008? Ungefähr zeitgleich beschäftigen sich zwei große Biographien mit Leben und Werk der Jahrhundertfigur. Sieht man von den politisch korrekten Rezensionen ab, die Jünger immer noch verteufeln und alles andere als eine überkritische Auseinandersetzung mit seiner Person sowieso ablehnen, dann kann man sagen: Der Welt am Sonntag-Redakteur http://www.welt.de Heimo Schwilk hat die „Schlacht“ gegen den Heidelberger Germanisten Helmuth Kiesel nach Punkten gewonnen.

Es ist schon ein Fortschritt, dass sich heute niemand mehr dafür entschuldigen muss, sich mit Jünger zu beschäftigen oder ihn zu lesen. Der Soziologe Stefan Breuer, der sich unter anderem mit der Konservativen Revolution in Deutschland beschäftigt hat, wies in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) http://www.nzz.ch darauf hin, dass sich die Bedingungen für das Schreiben und auch die Rezeption einer Jünger-Biographie deutlich verbessert hätten. Anders als Paul Noacks schmale Lebensbeschreibung aus dem Todesjahr 1998 konnten Schwilk wie Kiesel wichtige neue Dokumente einsehen. Außerdem hat – wie gesagt – „die Polarisierung nachgelassen“, so dass eine Auseinandersetzung mit den Schriften und den Taten des Soldaten, Dichters, Dandys, Käfersammlers und fanatischen Lesers nicht sofort zu einer erhitzten Kontroverse ausufern.

Die Polarisierung hat nachgelassen

Die Mehrheit der Rezensenten bestätigt dem Literaturwissenschaftler Kiesel, dass er das Werk Jüngers zwar akribisch beleuchtet. Allerdings schafft er es nicht, sich von seinem akademischen Duktus zu lösen. Schwilk hingegen profitiert von seiner persönlichen Bekanntschaft mit Jünger, der intimen Kenntnis seiner Tagebücher und von seiner journalistischen Erfahrung: Kurzum, er ist der ungleich bessere Erzähler. Und dies dürfte für die meisten Leser von Lebensbeschreibungen das Entscheidende sein. Man quält sich eben etwas ungern durch mehrere Hundert Seiten professoraler Prosa. Allerdings ist Breuers Vorwurf berechtigt. Schwilk widmet der Zeit bis 1945 dreimal so viel Raum wie den Jahren bis 1998, und bei Kiesel fällt die Relation noch ungünstiger aus. Wahrscheinlich muss man irgendwann an ein Ende kommen, wenn man sich nicht gleichsam „totschreiben“ möchte an einem Gegenstand. Es ist ein Irrglaube, irgendjemand könne die definitive Biographie eines Menschen schreiben. Letztlich gelingen immer nur Annäherungen.

Nach 1968 ein Prüfstein für die linke Gesinnung

Doch nun zu Schwilk. In seinem Vorwort macht er deutlich, dass Jünger für die Generation nach 1968 so etwas wie „einen Prüfstein der Gesinnung“ darstellte. Am Rande sei vermerkt, dass der größte Außenminister aller Zeiten, Joseph Martin Fischer, in der linksradikalen Zeitschrift „Pflasterstrand“ den zeitweiligen Drogen- und Gewaltverherrlicher Jünger zum Vorbild der Studentenbewegung erkor. Man kann sich seine Fürsprecher eben leider nicht aussuchen. Gerade aber Schwilk zeigt in seiner sehr gut lesbaren Darstellung, dass man bisher über Kindheit und Jugend Jüngers noch nicht alles wusste. Um es auf eine Formel zu bringen: Das Bild des hochdekorierten Frontkämpfers und nie zweifelnden Kriegshelden wird sich in dieser Form nicht mehr aufrecht erhalten lassen.

Dankenswerterweise wählt Schwilk den psychologischen Ansatz und erklärt Jüngers Fluchtbewegungen (in die Fremdenlegion, in den Krieg, in Drogen und Rausch, in das Sammeln von Käfern, vielleicht auch zuletzt wieder in den Schoß der katholischen Kirche?) damit, dass er weder in der Familie noch in der Schule, Heimat, Wärme und Bestätigung finden konnte. Wobei hier selbstverständlich nicht das enge Verhältnis zu seinem Bruder Friedrich Georg gemeint ist. Trotz aller Fluchten bleibt Jünger ein Einzelgänger: „Die Fragwürdigkeit der eigenen Existenz ist auch Ursache eines manchmal verwegenen Mutes, der keine Angst vor der Todesgefahr kennt, ja diese geradezu zu suchen scheint. Als wäre der Tod die Aufhebung des Schuldgefühls und eine Rückkehr in den mütterlichen Ursprung des Lebens.“

Auf Grundlage der authentischen Quellen kann der Biograph erstmals zeigen, dass die Schule Jünger weit schwerer traumatisieren wird als die Erlebnisse und das Grauen des Ersten Weltkrieges: „Prüfungsträume werden noch den Greis aufschrecken lassen“. Dass er in der bürgerlichen Institution Familie nie so etwas wie bürgerliche Stabilität erfährt, wird sich auf seine spätere Haltung auswirken. Der Anarch kämpft gegen die Spießer, ist auch beim Militär aufsässig gegenüber Vorgesetzten, verachtet die Weimarer Republik und hat auch in späteren Jahren kein positives Verhältnis zur Bundesrepublik Deutschland. Allerdings erkennt er in der Zeit der terroristischen Bedrohung dieses Gemeinwesens, dass sich der Staat gegen die Herausforderung von links wehren muss.

Ohne bürgerliche Stabilität

Die Mobilmachung war für Jünger wie eine Erlösung. Und ohne Zweifel bewies er in den Schlachten des Ersten Weltkriegs großen Mut. Die höchste Auszeichnung Pour le mérite ist ein Ausweis dafür. Doch trotzdem ging seine Rechnung, in jeder Lebenslage Kälte und Distanz zu bewahren, nicht immer auf. So löste ein Treffer am Oberschenkel einen Nervenzusammenbruch aus. Jünger ist immer wieder Gefühlskälte vorgeworfen worden. Dabei wollte er sich nur panzern, um sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren. Man übertreibt nicht, wenn man in Jünger keinen strahlenden Helden, sondern eher einen Menschen sieht, der ein Leben lang um seelische Stabilität ringt und oft in Phasen der Melancholie und Depression abgleitet. Zudem ist er ein ziemlich lebensunpraktischer Mann. Fairerweise macht Schwilk deutlich, dass der Jünger der unmittelbaren Nachkriegszeit nichts gewesen wäre ohne seine früh verstorbene Frau Gretha.

Man muss es unumwunden zugeben: Manchmal wirkt Ernst Jünger recht unsympathisch. Sein Lieblingssohn wurde von den Nazis in ein Himmelfahrtskommando geschickt, und das Haus in Kirchhorst wird von ausgebrochenen russischen, polnischen und französischen Gefangenen sowie amerikanischen GIs belagert. Doch der Herr des Hauses überlässt alles Gretha, der er zuvor mit seinen Pariser Liebschaften auch noch untreu war: „Während seine Frau sich im täglichen Kampf um die ‚Arche’, wie Gretha das alte Pfarrhaus nennt, aufreibt, überarbeitet Jünger seine Tagebücher und setzt seine theologischen Studien fort.“ Auch als sie an einem Krebsleiden erkrankt, das schließlich zum Tode führt, lässt der Gatte sie bis kurz vor dem Tod im Stich und lebt seine Weltfremdheit und seine Depressionen aus.

Depressiv, aber charakterfest

Positiv vermerkt werden muss jedoch Jüngers charakterliche Standhaftigkeit in anderen, weltanschaulichen Fragen. Jünger war nie ein Demokrat, er war auch kein Widerstandskämpfer, doch anders als Benn, Schmitt und Heidegger hat er nach 1933 zu keinem Zeitpunkt mit dem Dritten Reich geliebäugelt. Auch in seiner nationalrevolutionären Phase in den zwanziger Jahren konnte ihn Joseph Goebbels nicht für die braune Bewegung gewinnen. Wahrscheinlich reagierten Benn und Schmitt nach 1945 oft so gereizt auf Jünger, da er einen wunden Punkt traf: Anders als sie hatte er – was sein Verhältnis zum Nationalsozialismus betraf, nichts Entscheidendes zu bereuen. Und auch seine Soldatenzeit im Zweiten Weltkrieg hatte völlig anders ausgesehen als zwischen 1914 und 1918. Zwischen 1940 und 1944 führte er nämlich das „wenig heroische, dafür umso dandyhaftere Leben eines Besatzungsoffiziers in Paris, wo er sich zwischen Affären, Antiquitätenhändlern und Salons zum teilnahmslosen Beobachter der ‚Katastrophe’ stilisierte“ (Thomas Hajduk).

Was bleibt von Jünger? Es hat nicht den Anschein, als stünden anlässlich seines zehnten Todestages noch einmal große Kontroversen ins Haus. Das Bild des über 100-jährigen Greises hat das des Autors von „In Stahlgewittern“ verdrängt. Auch wenn vor ein paar Jahren seine wirklich schrecklichen und oft auch schlechten Schriften aus der Weimer Zeit in einem 1.000 Seiten starken Wälzer veröffentlicht wurden, so richtig hoch geht der Puls in der feuilletonistischen Debatte deshalb nicht. Schon sein Privatsekretär Armin Mohler verdächtigte Jünger (nicht zu Unrecht), er habe sein Opus „ad usum democratorum frisiert“. Jünger hat „sein Jahrhundertleben“ zwischen 1895 und 1998 gelebt. Das 21. Jahrhundert wird wieder andere Geistesgrößen kennen. Vielleicht ist Heimo Schwilks glänzend geschriebene und recherchierte Biographie also eher ein Schlusspunkt als der Beginn einer neuen Debatte über Ernst Jünger.

Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Piper Verlag: München 2007. 624 Seiten, 24,90 Euro.

Web: http://www.ne-na.de


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