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Biokunststoffe verschlechtern Umweltbilanz und erschweren Abfallentsorgung

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Bezeichnung „biologisch abbaubar“ kein ökologisches Qualitätssiegel


von Gunnar Sohn

London/Brüssel www.ne-na.de - Die weltweiten Bestrebungen der Supermärkte und der Industrie, konventionelle Kunststoffe durch umweltfreundliche pflanzenbasierte Biokunststoffe zu ersetzen, führt zu Umweltbelastungen und verwirrt zudem die Verbraucher, so das Ergebnis einer Studie der britischen Zeitung „The Guardian“ http://www.guardian.co.uk.

„Die Ersatzstoffe können zu einem erhöhten Ausstoß an Kohlendioxid-Emissionen auf Deponien führen. Zur Dekompostierung benötigen sie hohe Temperaturen und einige Substanzen lassen sich in Großbritannien überhaupt nicht wiederverwerten“, schreibt Umweltredakteur John Vidal. Der Markt für Biokunststoffe auf der Basis von Mais, Zuckerrohr, Weizen und anderen Getreidesorten verzeichnet ein jährliches Wachstum von 20 bis 30 Prozent. Durch den hohen Flächenbedarf für den Getreideanbau verstärke die Herstellung von Biokunststoffen die globale Lebensmittelknappheit.

Die Hersteller werben trotz der wissenschaftlichen Zweifel mit Terminologien wie „nachhaltig“, „biologisch abbaubar“, „kompostierbar“ und „recycelbar“. Sie behaupten sogar, dass Biokunststoffe zu einer Einsparung von Kohlendioxid zwischen 30 und 80 Prozent im Vergleich zu den konventionellen ölbasierten Kunststoffen führen. Außerdem wird ihnen verlängerte Lebensmittelhaltbarkeit zugeschrieben. Anspruch und Wirklichkeit klaffen allerdings weit auseinander. So konnten auf der Fachmesse Interpack in Düsseldorf die befragten Branchenvertreter nicht dokumentieren, wo und in welchen Kompostierwerken das Biomaterial verwertet wird. Eine Vertreterin nannte sogar die thermische Verwertung als mögliches Entsorgungsverfahren – was nichts anderes als Verbrennung heißt.

Ein internationales Wissenschaftlerteam um den niederländischen Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen http://www.mpch-mainz.mpg.de/~air/crutzen hat nachgewiesen, dass die zum Einsatz kommenden Energiepflanzen hochgradig klimaschädlich sind. Durch die starke Düngung gelangt das gefährliche Stickoxid (N2O) in die Atmosphäre. Ein Teil dieses Treibhausgases wird durch chemische Reaktionen in Lachgas umgewandelt – ein über 300 mal stärker wirkendes Treibhausgas als Kohlendioxid. Während man dem Rohstoff Polymilchsäure (Polyactic Acid, PLA) bisher eine größere Vielfalt unterschiedlicher Abbaumöglichkeiten nachgesagt hat, fand die britische Zeitung „The Guardian” jetzt heraus, dass PLA sich lediglich auf Deponien abbauen lässt und darüber hinaus nur in einer Handvoll anaerobischer Digestionsverfahren, die in Großbritannien existieren, kompostierbar ist.

Diese Verfahren können jedoch nicht für Verpackungen eingesetzt werden. Wenn PLA in großen Mengen den britischen Recyclinganlagen zugeführt werde, könne der Rohstoff den Abfallstrom vergiften und andere recycelte Kunststoffe vermarktungsunfähig machen. Die Organisation Petcore http://www.petcore.org sieht nach einem Bericht des Fachdienstes Euwid http://www.euwid.de das Recycling von PET-Flaschen gefährdet. Bereits geringe Marktanteile an PLA könnten zu einer ernsthaften Störung der Infrastruktur für die Verwertung von PET-Flaschen in Europa führen.

In Großbritannien befürchten Umweltexperten, dass die neue Generation biologisch abbaubarer Kunststoffe auf Deponien landen wird, wo sie sich ohne Sauerstoff zersetzen. Dabei werde das Treibhausgas Methan ausgestoßen, das 23 mal umweltschädlicher als Kohlendioxid ist. Das nationale Verwaltungskomitee „Ozeanik und Atmosphäre“ der US-Regierung hat über einen starken Anstieg der weltweiten Methan-Emissionen im vergangenen Jahr berichtet.

„Biologisch abbaubar heißt noch lange nicht dass es gut ist. Wenn es auf die Deponien gelangt, wird Methangas freigesetzt. Dabei wird nur ein geringer Prozentsatz abgefangen“, erklärt Peter Skelton von Wrap, dem von der britischen Regierung finanzierten Abfall- und Ressourcen-Aktionsprogramm. Es gebe eine Reihe von Einschränkungen. Abfallverwertungsunternehmen behaupten etwa, sie müssten in kostspielige neue Sortieraggregate investieren, um Biokunststoffe von dem für das Recycling bestimmten Abfallstrom zu trennen.

„Wenn wir sie identifizieren und herausfiltern könnten, läge die einzige Möglichkeit darin, sie auf die Deponie zu bringen“, konzedierte ein Vertreter der Recyclingwirtschaft gegenüber „The Guardian“ und erklärte weiter: „Die britischen Recycling-Unternehmen und die Kommunen weigern sich, Biokunststoffe abzunehmen und sich um die Verwertung zu kümmern, während die britischen Gemeinderäte keine Kunststoffe in der Nähe ihrer Lebensmittelabholung dulden. Wenn diese biologisch abbaubaren Produkte in den Recyclingstrom gelangen, tragen sie nur zu dessen Verschmutzung bei. Wir gehen davon aus, dass sich die Situation verschärfen wird, da die britische Regierung dem Thema Recycling auf der politischen Agenda einen großen Stellenwert eingeräumt hat. Parallel dazu werden immer mehr Biokunststoffe zum Einsatz kommen."

„Die Leute glauben, dass alles, was als biologisch abbaubar deklariert ist, gut ist, und alles, was nicht biologisch abbaubar ist, per se schlecht ist. Alles weitere wird nicht mehr gesehen”, kommentiert Chris Goodall, Umweltanalyst und Autor des Buches „How to Live a Low-carbon Lifestyle". Er habe versucht, mit „biologisch und im heimischen Garten abbaubar“ bezeichnete Tragetaschen zu kompostieren. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Das geht nur, wenn der Komposthaufen sich selbst extrem erhitzt, und trotzdem verbleiben noch Reste“. Der Europäische Dachverband der Kunststoffverarbeiter EuPC http://www.plasticsconverters.eu in Brüssel fordert separate Abfallströme, damit für die Kunststoffverwerter keine zusätzlichen Kosten für die Verwertung entstehen. „Es wird ebenfalls befürchtet, dass Biokunststoffe bestehende Recyclingprojekte gefährden können“, so EuPC. Der Verband wendet sich außerdem gegen eine Förderung von Biokunststoffen durch gesetzgeberische Maßnahmen, wie sie in Deutschland über die Verpackungsverordnung getroffen wurden.


Für den Inhalt der Pressemitteilung ist der Einsteller, Gunnar Sohn, verantwortlich.

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