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Zeit der Mega-Konzerne vorbei: Neue Arbeit durch mobile Fabriken und dezentrale Produktion

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Bonn/Ann Arbor - Ein bisschen mehr arbeiten. Ein bisschen mehr Bildung. Ein bisschen mehr Innovation. "Diese Ma├čnahmen zur Bek├Ąmpfung der Arbeitslosigkeit zu benutzen, ist das Gleiche, als w├╝rde man eine Tasse Wasser zu einem Waldbrand bringen," so der Philosoph Frithjof Bergmann. Der Geisteswissenschaftler muss es wissen, den er hat sich theoretisch und praktisch sein ganzes Leben mit der Beziehung zwischen Mensch und Arbeit besch├Ąftigt. Zum ersten Mal war es in den W├Ąldern von New Hampshire. Dorthin hatte Bergmann sich zur├╝ckgezogen, nachdem er sich als Tellerw├Ąscher, Preisboxer, Hafenarbeiter und B├╝hnenautor in den USA durchgeschlagen hatte.

Er suchte ein alternatives Leben, wollte unabh├Ąngig sein und hatte beschlossen, sich selbst zu versorgen. Nach zwei Jahren gab er auf. Denn statt frei, f├╝hlte er sich als Sklave der harten k├Ârperlichen Arbeit, die er mit einfachen Werkzeugen zu verrichten hatte, um sein karges Dasein zu sichern. Er fing an, Philosophie zu studieren, promovierte und lehrte in Princeton, Stanford, Chicago und Berkeley. Und w├Ąhrend um ihn herum immer mehr Arbeitspl├Ątze abgebaut wurden, analysierte Frithjof Bergmann das klassische Lohnarbeitssystem und entwickelte ein Alternativmodell. Er nannte es ┬äNeue Arbeit┬ô. Das war vor mehr als 20 Jahren. Bergmann hat seine Erkenntnisse jetzt f├╝r den deutschen Markt aufbereitet in dem Buch "Neue Arbeit, Neue Kultur" http://www.newwork-newculture.net/bergmann.html . Seine zwei wichtigsten Arbeitshypothesen werden uns jeden Tag in der Wirtschaftspresse Presse pr├Ąsentiert. In Zukunft werden weltweit noch viel mehr Arbeitspl├Ątze abgebaut, als wir uns heute vorstellen k├Ânnen. Grund sei weniger die Verlagerung in Niedriglohnl├Ąnder, sondern die zunehmende Automatisierung von Arbeitsprozessen.

Die L├Âsung von Bergmann klingt zun├Ąchst simpel: Die Arbeitszeit eines Menschen wird gedrittelt: ein Drittel der Zeit verbringen wir mit der bisherigen Lohnarbeit. Das zweite Drittel gehen wir einer Besch├Ąftigung nach, die wir "wirklich, wirklich wollen". Und ein Drittel unserer Zeit nutzen wir dazu, uns selbst zu versorgen. Und zwar mit "High-Tech-Eigen-Produktion".

"Sie basiert im Wesentlichen auf der Idee, unsere brillanten Technologien nicht nur dazu zu benutzen, aus unseren Fl├╝ssen Kloaken oder aus unserem Regen S├Ąure zu machen, sondern auch noch f├╝r etwas ganz anderes. Wir k├Ânnten eine Reihe von Ger├Ąten, Apparaten, Materialien, Maschinen und Herstellungsarten entwickeln, die es uns erm├Âglichen w├╝rden, 60 bis 80 Prozent von dem, was wir zum Leben brauchen, selbst herzustellen. Dann k├Ânnten wir das fabelhafte, unabh├Ąngige Leben f├╝hren, von dem ich einen Vorgeschmack erhalten habe ┬ľ ohne im Schwei├če unseres Angesichts mit einer Bogens├Ąge Holz schneiden zu m├╝ssen", schreibt Bergmann.

Seine Vorschl├Ąge sind keineswegs sozialromantisch, sondern pragmatisch und die Analyse des klassischen Arbeitsmarktes k├Ânnen auch Wirtschaftswissenschaftler nicht von der Hand weisen. Die gute alte Zeit des Industriezeitalters ist vorbei. Was industriell gefertigt wird, erledigen heute technisch ausgebildete Menschen in Niedriglohnl├Ąndern g├╝nstiger und besser. Daran k├Ânnen auch Verordnungen, Gewerkschaftsproteste oder Steuerangleichungen nichts ├Ąndern. Unser Denken verharrt immer noch in den goldenen 50er und 60er Jahren ┬ľ einen wirtschaftlichen Aufschwung schaffen wir mit dieser Mentalit├Ąt nicht. Die Massenproduktion reicht nicht mehr aus, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen.

Dazu Bergmann: "Es ist eine Tatsache, dass die Fabriken, wie wir sie heute kennen, auf geradezu absurde Weise ineffizient sind ┬ľ innovativere und ideenreichere Ingenieure werden das jederzeit best├Ątigen, und sie meinen dabei keine Kleinigkeiten. Sie reden hier nicht von Aspekten wie 'Just-in-time-Lieferung', 'Total Quality', 'Lean Management' oder ├Ąhnlichen oberfl├Ąchlichen Modeerscheinungen. Nein, sie meinen damit die grundlegendere, sozusagen 'archetypische' Tatsache, dass wir immer noch kilometerlange Flie├čb├Ąnder haben und entlang dieser Flie├čb├Ąnder Hunderte von einzelnen Robotern, die im Grunde nur eine einzige, eng begrenzte Funktion erf├╝llen. F├╝r viele Ingenieure erscheint dies heute plump und offensichtlich ├╝berholt. Die Planung kleiner Produktionswerkst├Ątten wird also nicht nur von der Neuen Arbeit vorgeschlagen. Was ich beschrieben habe, bringt nur etwas pointierter zum Ausdruck, was viele Menschen, die auf diesem Gebiet t├Ątig sind, sich schon seit einiger Zeit vorstellen".

Dieser Trend zeichnet sich selbst in Konzernen ab. Auch gro├če Unternehmen haben erkannt, wie vorteilhaft es sein kann, "klein" zu sein, Produktion und Dienstleistungen auszulagern und von Spezialisten ├╝bernehmen zu lassen. Nach Ansicht von Bergmann ist die Zeit der Riesenunternehmen vorbei: "Die Kultur der meisten Mega-Konzerne mit ihren ausgepr├Ągten Hierarchien, ihren starren Formalit├Ąten, ihren unbeholfenen Kommunikationsmechanismen und als Resultat davon ihren langsamen Reaktionszeiten passt offensichtlich nicht mehr zu dem heute herrschenden Tempo. Sie ist nicht mehr vereinbar mit der heute existierenden Wirtschaftskultur und erscheint im Vergleich dazu alt und atemlos.┬ô Neue Techniken forcieren diese Entwicklung, die sich von der ├╝berholten, ineffizienten industriellen Massenproduktion wegbewegt und kleine, agile und computergesteuerte Handwerk-Shops aufkommen l├Ąsst. Es entstehen mobile Fabriken, die sich per Baukastensystem aus vielen Einzelelementen zusammenstecken und ebenso schnell ab- wie aufbauen lassen k├Ânnen. In verschiedenen Gr├Â├čen und je nach Bedarf an verschiedenen Orten. Mit "Plug and Produce" k├Ânnten damit Unternehmen sich rascher als bisher an Ver├Ąnderungen im Markt anpassen, preiswerter produzieren und eine kosteng├╝nstige Logistik zum Kunden realisieren. So bietet die Pegnitzer Firma BellandVision http://www.belland.de f├╝r Gro├čveranstaltungen wie dem K├Âln Marathon Einweg-Getr├Ąnkebecher an, die sofort nach Gebrauch zusammen mit den restlichen Abf├Ąllen eingesammelt werden. Die Belland-Becher werden anschlie├čend in einem Recyclingmobil verwertet. Den Kunststoff kann man selbst aus vermischten und verschmutzten Abf├Ąllen maschinell herausl├Âsen und molekular reinigen. Aus dem Material kann man wieder neue Becher herstellen im Gegensatz zum klassischen Plastikrecycling.

Eine weitere Innovation, die zur Idee von Professor Bergmann passt, nennt sich "Rapid Prototyping". Gemeint ist damit eine Art Druck f├╝r Objekte in 3D. Man gibt den Datensatz eines Artikels in eine generative Maschine ein, und im Inneren wird er dann Schicht f├╝r Schicht aus staubfeinem Material exakt so aufgebaut. Ein Verfahren, das heute schon in der Luft- und Raumfahrtindustrie verwandt wird. Die Ideen von Bergmann sind also keine weltfremden Spinnereien. Etliche n├╝chtern denkende Fachleute arbeiten bereits mit ihm zusammen. So gibt es im s├Ąchsischen Zschopau ein 2001 gegr├╝ndetes "Zentrum Neue Arbeit" http://www.tu-chemnitz.de , eines von mehr als 30 bereits bestehenden Zentren weltweit. In Zschopau arbeitet man an der Verwendung von Kleie als Verpackungsmaterial, einem Abfallprodukt, das bei der Herstellung von Getreide entsteht. Das Verpackungsmaterial ist stabiler als Styropor und landet nach Gebrauch im Biom├╝ll und kann kompostiert werden. Auch dieses Produkt l├Ąsst sich in mobilen Fabriken herstellen. Die Zukunft, da sind sich viele Wissenschaftler einig, liegt in der Individualisierung der Massenproduktion. Das Grundlagenwerk von Bergmann liefert viele Anregungen, die Arbeitsgesellschaft neu zu organisieren und die Massenarbeitslosigkeit zu beseitigen. Im Gegensatz zu den Ritualdebatten ├╝ber Lohnerh├Âhungen, Lohnk├╝rzungen, Wochenarbeitszeit, Hartz IV, V oder VI.

Frithjof Bergmann, Neue Arbeit, Neue Kultur, Arbor Verlag 2004, W├╝rzburg, 433 Seiten, 24,80 Euro



Web: http://www.belland.de


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