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Der kultivierte Nazi – Auch nach der Veröffentlichung der Gesprächsnotizen mit Joachim Fest bleibt Albert Speer ein Rätsel

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Bonn – Albert Speer besaß Charisma. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass schon eine große Menge an Literatur über dieses Mitglied des engen Führungszirkels um Adolf Hitler vorliegt. Der beste Kenner von Leben und Werk Albert Speers, der am 19. März 1905 in Mannheim geboren wurde, ist der Hitler-Biograph Joachim Fest. Wie kein anderer versteht es der mittlerweile 78-jährige Historiker und Publizist, die Geschichte des "Dritten Reiches" zu erzählen. Fest verzichtete schon vor über 40 Jahren bewusst auf die bis heute üblich moralische Erregung. Sein Stil ist kühl und distanziert, und gerade diese Besonderheiten bürgen für den Reiz und die Qualität seiner Veröffentlichungen.

Fests intensive Beschäftigung mit dem "kultivierten Nazi" datiert schon seit den frühen 1960er Jahren. Aus einer Reihe für den Rundfunk entstand 1963 das Buch "Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft", das bis heute immer wieder aufgelegt wurde. Hannah Arendt meinte, zu einem Verständnis der Epoche sei dieses Werk unerlässlich. Und würde der elegante, an Thomas Mann geschulte und erinnernde Stil heutige Schüler in ihrer breiten Masse nicht überfordern, so wäre "Das Gesicht des Dritten Reiches" der ideale Einstieg in eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem "Tausendjährigen Reich", das eben keine moralischen Lehren bereit hält und heute noch von den Wächtern der rechten Gesinnung für moralische Gratistriumphe ausgenutzt wird. In dem meisterhaft geschriebenen Buch schildert Fest in kompakten Kapiteln den Weg Adolf Hitlers, der "vom Männerheim zur Reichskanzlei" führte. Und auch die "Techniker und Praktiker der totalitären Herrschaft" werden präsentiert, wobei Albert Speer, der "kultivierte Nazi", erkennbar aus dieser banalen Bagage herausfällt.

Schon damals sprach Fest in Zusammenhang mit Speer von dessen "technizistischer Unmoral". Der Sohn aus bildungsbürgerlichem Hause habe unter einem ethischen Subjektivismus gelitten, der "geringschätzig auf die öffentlichen Dinge herabsah und in der Moral ausschließlich eine Sache der privaten Existenz erblickte". 1999 legte der ehemalige FAZ-Herausgeber schließlich eine Maßstäbe setzende Biographie Speers vor, obwohl er dieses Unterfangen zu vor stets abgelehnt hatte. Vor diesem Hintergrund durfte man gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse das jetzt bei Rowohlt erscheinende Buch "Die unbeantwortbaren Fragen – Gespräche mit Albert Speer" liefern würde. Der rund 270-seitige Band ist deshalb von so besonderem Interesse, weil er die Notizen über die Gespräche enthält, die Fest als Lektor und Wolf Jobst Siedler als Leiter des Ullstein-Verlages mit dem entlassenen Häftling aus Spandau führten. Insgesamt sind die Vermerke über die Gespräche von 1966 bis zu Speers plötzlichem Tod im Jahr 1981 enthalten.

Hitler und Speer hatten ein unglückliches Liebesverhältnis. Ihre Zusammenkünfte waren durchaus von erotischer Anziehungskraft geprägt. Ein verhinderter Künstler und ein Architekt fanden zusammen. Als Adolf Hitler Speer "eine führende Rolle bei der baulichen Umgestaltung der deutschen Städte, insbesondere Berlins, in Aussicht stellte", war es um den späteren Chefarchitekten des "Dritten Reiches" geschehen. Speer sollte die gigantischen Lichtdome schließlich für seine bedeutendste Eingebung halten.

Neben dem erotischen Moment verband die beiden noch ein quasi religiöses Anliegen: "‘Was wir für Berlin, aber auch für Nürnberg planten, waren lauter Kultbauten", bemerkte Speer. ‚Andachtsarchitekturen‘. Manchmal habe er in Hitlers Anregungen, auf die dieser Charakter der Arbeiten im ganzen zurückging, einen Ausdruck seiner Katholizität gesehen, die sich freilich völlig verweltlicht hatte. Doch das Bewusstsein für erhabene, weihevoll stimmende Räumer hatte er sich bewahrt."

Speers Leistungen sind weitestgehend bekannt. Seine Karriere verlief spektakulär. Schon mit knapp 30 Jahren galt er als Stararchitekt des braunen Regimes, baute die neue Reichskanzlei, erfand die Lichtdome und entwickelte die illusionären und jeden Rahmen sprengenden Vorstellungen von Berlin als einer "Welthauptstadt Germania". Die hässliche Seite: Hitler ernannte ihn 1942 zum Rüstungsminister, der auch auf diesem Gebiet sogleich seine Managerqualitäten zur Geltung brachte und die Rüstungsproduktion des Deutschen Reiches um ein vielfaches steigerte. Und auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges kam er relativ ungeschoren davon. Speer habe die Deutschen mit ihrer Nazi-Vergangenheit ein wenig ins Reine gebracht, da er – so Fest gegenüber der Welt http://www.welt.de – den Eindruck vermittelt habe: "Man konnte ein Nazi gewesen sein und sich dennoch als ein anständiger Mensch verhalten haben."

Arbeit war Speers Narkotikum. An einem beliebigen Tag nahm er nie weniger als 15 Termine wahr. Reflexion und Nachdenken über das eigene Tun war bei einer solchen Arbeitsbelastung ausgeschlossen. Dennoch erscheint es unverständlich, warum ein so kultivierter, höflicher und im persönlichen Auftreten durchaus charmanter Herr wie Speer, der eben keine gescheiterte Existenz war wie die übrigen Statthalter des Regimes und auch im bürgerlichen Beruf reüssiert hätte, sich so vereinnahmen ließ. Speer grübelte bis zum Ende seines Lebens darüber nach, warum er einem solchen Regime, das für unglaubliche Greuel verantwortlich war, so loyal diente. Fest hierzu: "Womöglich liegt gerade in dem unausmessbaren Unterschied zwischen der kultivierten Erscheinung und der fatalen politischen Rolle, die Speer spielte, das Problem." Der Hitler-Biograph charakterisiert Speer als den "Typus des gutmeinenden Idealisten", den er "im Guten wie im Schlimmen so weitgehend verkörpere", und überhaupt nicht wisse, was Schuld sei. Speer habe zwar von seiner Schuld gesprochen – aber er wusste nicht, wovon er sprach.

Im Laufe der Jahre ist immer wieder die Frage aufgeworfen worden, wie viel Speer von den Missetaten des Regimes gewusst habe. Es sei die "Kardinalfrage seines Lebens" gewesen, stellte der vormalige Edel-Nazi im Gespräch mit seinem "vernehmenden Lektor" fest, ob er bei der berüchtigten Posener Rede Himmlers mit den entsetzlichen Enthüllungen über den Massenmord an den Juden dabei gewesen sei. Nach dem jetzigen Kenntnisstand ist zumindest klar, dass Speer in seinen "Erinnerungen" nicht durchgehend ehrlich gewesen ist und auch seinen Lektor Fest und den Verlagsleiter Siedler belogen hat. Die so genannte "Entjudung" Berliner Wohnungen von 1938 bis 1941 ist nicht ohne Kenntnis des obersten Bauherrn geschehen. Im Welt-Interview äußerst sich Fest erbittert darüber, dass Speer ihn damals so "massiv in die Irre geführt" habe. Letztlich wirft dieser Punkt natürlich auch die Frage auf, inwiefern Speer gegenüber seinen Anklägern und dann gegenüber seinen Lesern auch bei anderen Fragen ehrlich gewesen ist oder ob er nur eine Rolle gespielt hat.

Nach der Lektüre der Gesprächsnotizen bleibt bestehen: Albert Speer ist die wahrscheinlich interessanteste Figur unter der unansehnlichen Führungsriege des "Dritten Reiches". Das Buch – und dies klingt ja schon im Titel an - liefert letztlich keine Antwort auf die Frage, wie sich ein Mann wie Speer, der dem Bildungsbürgertum entstammte, von einem solch bösartigen und barbarischen Regime in Dienst nehmen ließ. Am plausibelsten erscheint die These des britischen Historikers Hugh Trevor-Roper: Speer war weder hartherzig oder niederträchtig, sondern "etwas weit Schlimmeres: nämlich leer". Wie kein anderer stand dieser intelligente Nazi für die "technizistische Unmoral", die sich zwischen 1933 und 1945 voll austoben konnte. Am Rande erfährt der Leser auch noch ein paar enthüllende Anekdoten über David Irving, Marcel Reich-Ranicki, Margarete Mitscherlich und Gitta Sereny. Für den deutschen Leser wäre es sicherlich von großem Interesse, wenn Joachim Fest noch einmal seine eigene Geschichte und die seiner Familie im "Dritten Reich" erzählen würde. Obwohl er sich immer von ganz anderen Themen angezogen fühlte, bleibt zu hoffen, dass er diese Arbeit in Angriff nehmen wird. Verschiedene Interview-Äußerungen insbesondere über seinen Vater machen deutlich, dass ein solches Buch sehr aufschlussreich sein könnte. In der kommenden Ausgabe der Zeitschrift Criticón http://www.criticon.de findet sich ein Autorenporträt Joachim Fests, das auf einem ausführlichen Gespräch mit dem in Kronberg lebenden Publizisten beruht.

Joachim Fest: Die unbeantwortbaren Fragen – Gespräche mit Albert Speer. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005, 270 S., 19,90 Euro, ISBN 3-498-021141.

Die Zeitschrift Criticón erscheint vierteljährlich. Das Einzelheft kostet 8,20 Euro. Bestellungen per Fax unter: 0228 – 620 44 75 oder E-Mail: redaktion@criticon.de.


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