Pressemitteilung von: rauschsinnig
Veröffentlicht auf: PortalDerWirtschaft.de
Millionen Fake-Accounts, Milliarden künstliche Likes und eine Werbewelt, in der Unternehmen für Sichtbarkeit bezahlen, ohne genau zu wissen, wer sie eigentlich erreicht. Wie viel ist digitale Reichweite heute noch wert? Der Beitrag zeigt, wie intransparent der Markt geworden ist, welche Rolle KI und Bot-Accounts spielen und was bei einem eigenen TikTok-Test mit gekauften Views passiert ist.
Wie groß das Problem künstlicher Aktivität inzwischen ist, zeigen ausgerechnet die Zahlen von TikTok selbst. Im ersten Halbjahr 2024 verhinderte die Plattform nach eigenen Angaben die Erstellung von mehr als 700 Millionen Fake-Accounts. Hinzu kamen mehr als 15 Milliarden gefälschte Follow-Anfragen und 36 Milliarden Fake-Likes. Außerdem entfernte TikTok 207 Millionen Fake-Follower und 379 Millionen Fake-Likes. [1]
Neuere Zahlen zeigen, dass sich das Problem nicht erledigt hat. Allein in den ersten drei Monaten 2026 löschte TikTok nach eigenen Angaben mehr als 86 Millionen Fake-Accounts. Für das dritte Quartal 2025 meldete das Unternehmen außerdem fast sechs Milliarden verhinderte Fake-Likes. [2]
Natürlich bedeutet das nicht, dass Werbekunden automatisch Millionen Bots in ihren Kampagnen mitfinanzieren. Es zeigt aber, in welchem Umfeld digitale Reichweite heute verkauft wird. Echte Nutzer, automatisierte Accounts, Fake-Likes, Fake-Follows und inzwischen KI-generierte Profile bewegen sich auf denselben Plattformen. Für Unternehmen ist von außen kaum nachvollziehbar, welcher Anteil der gemeldeten Reichweite tatsächlich von Menschen stammt, die sich für ein Produkt oder eine Marke interessieren.
Simkarten-Farm: Bild KI-generiert
Eine Kampagne erzielt 100.000 Impressionen, ein Video erreicht 50.000 Views und ein Account gewinnt 2.000 neue Follower. Im Reporting sieht das zunächst eindeutig aus. Hinter diesen Zahlen können sich jedoch völlig unterschiedliche Formen von Aufmerksamkeit verbergen.
Ein Nutzer schaut ein Video vollständig an, besucht anschließend die Website und kauft. Ein anderer wischt nach einer Sekunde weiter. Ein dritter folgt einem Account einmal und sieht danach nie wieder einen Beitrag. Dazu kommen automatisierte Profile und Fake-Accounts, die auf den ersten Blick genauso in einer Statistik auftauchen wie ein echter potenzieller Kunde.
Für Unternehmen ist das ein erheblicher Unterschied. Für das Reporting ist es zunächst nur eine weitere Zahl.
Wie teuer diese Intransparenz werden kann, zeigte bereits 2019 eine Untersuchung von CHEQ und der University of Baltimore. Der wirtschaftliche Schaden durch betrügerisches Influencer-Marketing wurde damals auf rund 1,3 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Etwa 15 Prozent der Ausgaben für Influencer-Marketing gingen der Untersuchung zufolge durch Betrug verloren. [3]
Künstliche Reichweite lässt sich zudem ausgesprochen billig produzieren. Laut einer Veröffentlichung der American Marketing Association kosteten 1.000 gekaufte Instagram-Follower damals durchschnittlich rund 16 US-Dollar. [4]
Eine große Followerzahl kann damit für sehr wenig Geld hergestellt werden. Echte Aufmerksamkeit, dauerhaftes Interesse und kaufbereite Kunden lassen sich so nicht kaufen.
Noch vor wenigen Jahren waren viele Fake-Accounts relativ leicht zu identifizieren. Sie hatten kaum Inhalte, generische Benutzernamen, gestohlene Profilbilder und wenig erkennbare Aktivität. Generative KI verändert diese Situation erheblich. Automatisierte Accounts können inzwischen Profilbilder, Biografien, Beiträge und Kommentare erstellen und über längere Zeit eine glaubwürdige Aktivität simulieren.
Wie weit das bereits geht, zeigt eine Untersuchung von AI Forensics. Die Organisation analysierte 2025 insgesamt 354 sogenannte Agentic-AI-Accounts auf TikTok. Innerhalb eines Monats veröffentlichten diese Accounts mehr als 43.000 überwiegend KI-generierte Beiträge und erzielten zusammen rund 4,5 Milliarden Views. Mehr als 65 Prozent der untersuchten Accounts waren erst 2025 angelegt worden. TikTok kennzeichnete weniger als 1,38 Prozent der analysierten Inhalte als KI-generiert. [5]
Eine weitere Untersuchung von AI Forensics analysierte TikTok-Suchergebnisse zu 13 Hashtags in Deutschland, Spanien und Polen. In 25 Prozent der Top-Ergebnisse fanden die Forscher synthetische KI-Bilder. Mehr als 80 Prozent des untersuchten KI-Contents auf TikTok stammte demnach von sogenannten Agentic-AI-Accounts. [6]
Auch dokumentierte Einflussoperationen zeigen, dass generative KI längst eingesetzt wird, um künstliche Personas und Social-Media-Aktivitäten in größerem Maßstab aufzubauen. OpenAI beschrieb 2026 entsprechende Netzwerke, bei denen KI unter anderem für Social-Media-Inhalte und die Verwaltung künstlicher Identitäten eingesetzt wurde. [7]
Bei der zuvor dokumentierten Operation „A2Z“ wurde KI beispielsweise genutzt, um Fake-Personas zu verwalten, Biografien zu erstellen, Beiträge und Kommentare auszuwerten und Antworten in mehreren Sprachen zu formulieren. OpenAI identifizierte rund 150 zugehörige Accounts auf X und Facebook. [8]
Das bedeutet nicht, dass jeder KI-Account automatisch ein Fake-Follower ist. Es bedeutet aber, dass die alte Vorstellung vom leicht erkennbaren Bot immer weniger funktioniert. Ein künstlicher Account kann inzwischen regelmäßig veröffentlichen, auf andere Beiträge reagieren, kommentieren und über längere Zeit eine scheinbar glaubwürdige Identität aufbauen. Für Werbekunden wird dadurch noch schwieriger zu beurteilen, wie viele tatsächliche Menschen hinter Reichweite und Interaktionen stehen.
Wer bei „Follower kaufen“ nur an dubiose Anbieter denkt, greift mittlerweile zu kurz. Auch TikTok selbst bietet Werbetreibenden an, Kampagnen gezielt auf neue Follower auszurichten.
Mit TikTok Promote können Nutzer unter anderem Follower als Kampagnenziel auswählen. TikTok nennt beim Ziel „Konto boosten“ neben Video- und Profilaufrufen ausdrücklich auch das Wachstum der Followerzahl. [9] Im TikTok Ads Manager gibt es zudem innerhalb des Ziels „Community-Interaktion“ eine Optimierung auf Follows. [10]
Das ist etwas anderes als der klassische Kauf von 1.000 Followern bei einem externen Anbieter. TikTok verkauft keine festgelegte Zahl von Accounts, sondern Werbeausspielungen, die auf ein bestimmtes Ergebnis optimiert werden.
Für den Werbekunden bleibt trotzdem eine entscheidende Frage offen: Was für Follower sind dabei entstanden?
Auf TikTok finden sich zahlreiche Erfahrungsberichte von Nutzern, die nach Promote-Kampagnen von wenig aktiven oder später wieder verschwundenen Followern berichten. Eine Creatorin aus der BookTok-Community schilderte beispielsweise, rund 80 Pfund für zwei Promotions mit dem Ziel Follower-Wachstum ausgegeben zu haben. Nach ihrer Einschätzung waren die gewonnenen Follower für den Aufbau einer aktiven Community wertlos. [11]
Andere Nutzer berichten von ähnlichen Beobachtungen, darunter größere Verluste von Followern nach zuvor bezahltem Wachstum. [12]
Solche Erfahrungsberichte beweisen nicht, dass TikTok Bots verkauft. Dafür gibt es auch andere mögliche Erklärungen. Nutzer können wieder entfolgen, wenig interessierte Zielgruppen können nach einer Kampagne inaktiv bleiben und TikTok kann Fake-Accounts nachträglich löschen.
Die Schwierigkeit liegt woanders: Der Werbekunde kann diese Fälle kaum voneinander unterscheiden. Er sieht zunächst nur, dass die Followerzahl gestiegen ist.
Genau diese Intransparenz wollte ich mir genauer ansehen und habe deshalb einen kleinen eigenen Test durchgeführt.
Dafür nutzte ich einen älteren TikTok-Account, auf dem bereits Beiträge und frühere Werbeanzeigen vorhanden waren. Zunächst schaltete ich direkt über TikTok eine Kampagne mit dem Ziel Follower-Wachstum.
Rund zwei Monate später verlor der Account innerhalb kurzer Zeit etwa 40 Follower.
Ich kann nicht feststellen, ob diese Follower überhaupt aus der Kampagne stammten. Ebenso wenig lässt sich feststellen, warum sie verschwanden. Es kann sich um ganz normale Entfolgevorgänge gehandelt haben, um eine Bereinigung durch TikTok oder um eine andere Ursache. Auffällig war für mich lediglich der gebündelte Rückgang, zumal andere TikTok-Nutzer vergleichbare Beobachtungen beschrieben hatten. [13]
Anschließend wollte ich wissen, wie TikTok mit Reichweite umgeht, die nicht über das eigene Werbesystem gekauft wurde.
Für mehrere ältere Videos, die zu diesem Zeitpunkt praktisch keine neuen Aufrufe mehr bekamen, kaufte ich bei einem externen Anbieter jeweils 1.000 Views. Die Auslieferung erfolgte nahezu augenblicklich.
Kurz darauf erschien bei den betreffenden Videos innerhalb von TikTok eine Kennzeichnung, nach der diese zusätzliche „Bonus-Views“ erhalten hätten.
Ich wiederholte den Versuch insgesamt dreimal und beobachtete dreimal denselben Ablauf. [13]
Daraus lässt sich kein belastbarer technischer Zusammenhang ableiten. Drei Versuche reichen dafür nicht aus. Möglich wäre beispielsweise, dass TikTok den plötzlichen Anstieg erkannt und technisch auf diese Weise verarbeitet hat. Ebenso könnte die Anzeige der Bonus-Views völlig unabhängig vom externen Kauf ausgelöst worden sein.
Interessant ist der Versuch trotzdem, weil er ein grundsätzliches Problem sichtbar macht: Als Nutzer kann ich nicht erkennen, wie TikTok zusätzliche Reichweite technisch klassifiziert, woher sie stammt und warum sie anschließend in einer bestimmten Form in meinen Statistiken erscheint.
Die für den Versuch verwendeten Beiträge und den Account veröffentliche ich bewusst nicht. Der externe Kauf von Views verstößt gegen die TikTok-Richtlinien und könnte eine Sperrung des Accounts zur Folge haben. Der Test dokumentiert deshalb ausschließlich meine eigene Beobachtung und ist kein reproduzierbarer Nachweis dafür, wie TikTok gekaufte Views grundsätzlich behandelt.
Das Problem geht weit über Fake-Follower hinaus. Unternehmen geben Geld für Sichtbarkeit aus, ohne die Qualität dieser Sichtbarkeit vollständig überprüfen zu können.
Eine Impression kann einen interessierten potenziellen Kunden darstellen. Sie kann aber genauso gut von jemandem stammen, der sofort weiterwischt. Ein neuer Follower kann später zu einem Kunden werden oder nie wieder mit dem Account interagieren. Und zwischen echten Nutzern bewegen sich Millionen Fake-Accounts und zunehmend automatisierte Profile, deren Verhalten immer schwerer von menschlicher Aktivität zu unterscheiden ist.
Trotzdem werden Views, Impressionen und Follower weiterhin als wichtige Erfolgskennzahlen verkauft.
100.000 Impressionen sehen nach Erfolg aus. 5.000 neue Follower ebenfalls. Eine Million Videoaufrufe erst recht.
Wirtschaftlich interessant werden diese Zahlen aber erst, wenn etwas daraus entsteht.
Wenn 100.000 Impressionen kaum Klicks erzeugen, ist die Reichweite für ein Unternehmen wenig wert. Wenn 5.000 neue Follower spätere Beiträge nicht ansehen, entsteht daraus keine aktive Community. Und wenn eine Million Views weder Anfragen noch Leads oder Verkäufe erzeugt, bleibt vor allem eine beeindruckende Zahl im Dashboard.
Unternehmen sollten deshalb sehr viel stärker darauf schauen, was nach der Reichweite passiert: Wie viele Nutzer besuchen die Website? Wie viele stellen eine Anfrage? Wie viele werden zu Leads? Und wie viele kaufen tatsächlich?
Die große Reichweitenlüge besteht nicht darin, dass jede Social-Media-Reichweite falsch oder künstlich wäre. Dafür gibt es keinen Beleg.
Sie besteht darin, dass Reichweite als präzise messbare Größe verkauft wird, während die Qualität hinter dieser Zahl für den Käufer erstaunlich schwer überprüfbar bleibt. Wir können immer genauer sehen, wie viele Impressionen, Views oder Follower wir bekommen haben. Aber immer schlechter beurteilen, wer eigentlich dahintersteckt und welchen wirtschaftlichen Wert diese Sichtbarkeit tatsächlich besitzt.
[1] TikTok Newsroom: „How TikTok counters deceptive behaviour“, Angaben zum ersten Halbjahr 2024.
[2] TikTok Newsroom: „Ressourcen und Tools für einen sicheren Umgang mit KI auf TikTok“, 2026.
[3] CHEQ und University of Baltimore: „The Economic Cost of Bad Actors on the Internet: Fake Influencers“, 2019.
[4] American Marketing Association: „Fraudulent Influencer Marketing Is Costing Brands“, 2019.
[5] AI Forensics: „Prompt, Upload, Repeat: Agentic AI Accounts Flood TikTok“, 2025.
[6] AI Forensics: Untersuchung zu generativem KI-Content in TikTok-Suchergebnissen in Deutschland, Spanien und Polen, 2025.
[7] OpenAI: „June 2026 Threat Report“, 2026.
[8] OpenAI: „Operation A2Z: Multilingual influence activity“.
[9] TikTok for Business: „Über die Werben-Funktion auf TikTok“.
[10] TikTok Ads Manager: „Über das Ziel Community-Interaktion“.
[11] TikTok-Nutzerbericht: „Is it worth it to pay TikTok to promote for followers?“.
[12] Weitere TikTok-Nutzerberichte zu TikTok Promote und auffällig inaktiven beziehungsweise später verschwundenen Followern.
[13] Eigener Test: Parissa Kahvand / rauschsinnig, 2026.
Wie groß das Problem künstlicher Aktivität inzwischen ist, zeigen ausgerechnet die Zahlen von TikTok selbst. Im ersten Halbjahr 2024 verhinderte die Plattform nach eigenen Angaben die Erstellung von mehr als 700 Millionen Fake-Accounts. Hinzu kamen mehr als 15 Milliarden gefälschte Follow-Anfragen und 36 Milliarden Fake-Likes. Außerdem entfernte TikTok 207 Millionen Fake-Follower und 379 Millionen Fake-Likes. [1]
Neuere Zahlen zeigen, dass sich das Problem nicht erledigt hat. Allein in den ersten drei Monaten 2026 löschte TikTok nach eigenen Angaben mehr als 86 Millionen Fake-Accounts. Für das dritte Quartal 2025 meldete das Unternehmen außerdem fast sechs Milliarden verhinderte Fake-Likes. [2]
Natürlich bedeutet das nicht, dass Werbekunden automatisch Millionen Bots in ihren Kampagnen mitfinanzieren. Es zeigt aber, in welchem Umfeld digitale Reichweite heute verkauft wird. Echte Nutzer, automatisierte Accounts, Fake-Likes, Fake-Follows und inzwischen KI-generierte Profile bewegen sich auf denselben Plattformen. Für Unternehmen ist von außen kaum nachvollziehbar, welcher Anteil der gemeldeten Reichweite tatsächlich von Menschen stammt, die sich für ein Produkt oder eine Marke interessieren.
Simkarten-Farm: Bild KI-generiert
Eine Kampagne erzielt 100.000 Impressionen, ein Video erreicht 50.000 Views und ein Account gewinnt 2.000 neue Follower. Im Reporting sieht das zunächst eindeutig aus. Hinter diesen Zahlen können sich jedoch völlig unterschiedliche Formen von Aufmerksamkeit verbergen.
Ein Nutzer schaut ein Video vollständig an, besucht anschließend die Website und kauft. Ein anderer wischt nach einer Sekunde weiter. Ein dritter folgt einem Account einmal und sieht danach nie wieder einen Beitrag. Dazu kommen automatisierte Profile und Fake-Accounts, die auf den ersten Blick genauso in einer Statistik auftauchen wie ein echter potenzieller Kunde.
Für Unternehmen ist das ein erheblicher Unterschied. Für das Reporting ist es zunächst nur eine weitere Zahl.
Wie teuer diese Intransparenz werden kann, zeigte bereits 2019 eine Untersuchung von CHEQ und der University of Baltimore. Der wirtschaftliche Schaden durch betrügerisches Influencer-Marketing wurde damals auf rund 1,3 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Etwa 15 Prozent der Ausgaben für Influencer-Marketing gingen der Untersuchung zufolge durch Betrug verloren. [3]
Künstliche Reichweite lässt sich zudem ausgesprochen billig produzieren. Laut einer Veröffentlichung der American Marketing Association kosteten 1.000 gekaufte Instagram-Follower damals durchschnittlich rund 16 US-Dollar. [4]
Eine große Followerzahl kann damit für sehr wenig Geld hergestellt werden. Echte Aufmerksamkeit, dauerhaftes Interesse und kaufbereite Kunden lassen sich so nicht kaufen.
Noch vor wenigen Jahren waren viele Fake-Accounts relativ leicht zu identifizieren. Sie hatten kaum Inhalte, generische Benutzernamen, gestohlene Profilbilder und wenig erkennbare Aktivität. Generative KI verändert diese Situation erheblich. Automatisierte Accounts können inzwischen Profilbilder, Biografien, Beiträge und Kommentare erstellen und über längere Zeit eine glaubwürdige Aktivität simulieren.
Wie weit das bereits geht, zeigt eine Untersuchung von AI Forensics. Die Organisation analysierte 2025 insgesamt 354 sogenannte Agentic-AI-Accounts auf TikTok. Innerhalb eines Monats veröffentlichten diese Accounts mehr als 43.000 überwiegend KI-generierte Beiträge und erzielten zusammen rund 4,5 Milliarden Views. Mehr als 65 Prozent der untersuchten Accounts waren erst 2025 angelegt worden. TikTok kennzeichnete weniger als 1,38 Prozent der analysierten Inhalte als KI-generiert. [5]
Eine weitere Untersuchung von AI Forensics analysierte TikTok-Suchergebnisse zu 13 Hashtags in Deutschland, Spanien und Polen. In 25 Prozent der Top-Ergebnisse fanden die Forscher synthetische KI-Bilder. Mehr als 80 Prozent des untersuchten KI-Contents auf TikTok stammte demnach von sogenannten Agentic-AI-Accounts. [6]
Auch dokumentierte Einflussoperationen zeigen, dass generative KI längst eingesetzt wird, um künstliche Personas und Social-Media-Aktivitäten in größerem Maßstab aufzubauen. OpenAI beschrieb 2026 entsprechende Netzwerke, bei denen KI unter anderem für Social-Media-Inhalte und die Verwaltung künstlicher Identitäten eingesetzt wurde. [7]
Bei der zuvor dokumentierten Operation „A2Z“ wurde KI beispielsweise genutzt, um Fake-Personas zu verwalten, Biografien zu erstellen, Beiträge und Kommentare auszuwerten und Antworten in mehreren Sprachen zu formulieren. OpenAI identifizierte rund 150 zugehörige Accounts auf X und Facebook. [8]
Das bedeutet nicht, dass jeder KI-Account automatisch ein Fake-Follower ist. Es bedeutet aber, dass die alte Vorstellung vom leicht erkennbaren Bot immer weniger funktioniert. Ein künstlicher Account kann inzwischen regelmäßig veröffentlichen, auf andere Beiträge reagieren, kommentieren und über längere Zeit eine scheinbar glaubwürdige Identität aufbauen. Für Werbekunden wird dadurch noch schwieriger zu beurteilen, wie viele tatsächliche Menschen hinter Reichweite und Interaktionen stehen.
Wer bei „Follower kaufen“ nur an dubiose Anbieter denkt, greift mittlerweile zu kurz. Auch TikTok selbst bietet Werbetreibenden an, Kampagnen gezielt auf neue Follower auszurichten.
Mit TikTok Promote können Nutzer unter anderem Follower als Kampagnenziel auswählen. TikTok nennt beim Ziel „Konto boosten“ neben Video- und Profilaufrufen ausdrücklich auch das Wachstum der Followerzahl. [9] Im TikTok Ads Manager gibt es zudem innerhalb des Ziels „Community-Interaktion“ eine Optimierung auf Follows. [10]
Das ist etwas anderes als der klassische Kauf von 1.000 Followern bei einem externen Anbieter. TikTok verkauft keine festgelegte Zahl von Accounts, sondern Werbeausspielungen, die auf ein bestimmtes Ergebnis optimiert werden.
Für den Werbekunden bleibt trotzdem eine entscheidende Frage offen: Was für Follower sind dabei entstanden?
Auf TikTok finden sich zahlreiche Erfahrungsberichte von Nutzern, die nach Promote-Kampagnen von wenig aktiven oder später wieder verschwundenen Followern berichten. Eine Creatorin aus der BookTok-Community schilderte beispielsweise, rund 80 Pfund für zwei Promotions mit dem Ziel Follower-Wachstum ausgegeben zu haben. Nach ihrer Einschätzung waren die gewonnenen Follower für den Aufbau einer aktiven Community wertlos. [11]
Andere Nutzer berichten von ähnlichen Beobachtungen, darunter größere Verluste von Followern nach zuvor bezahltem Wachstum. [12]
Solche Erfahrungsberichte beweisen nicht, dass TikTok Bots verkauft. Dafür gibt es auch andere mögliche Erklärungen. Nutzer können wieder entfolgen, wenig interessierte Zielgruppen können nach einer Kampagne inaktiv bleiben und TikTok kann Fake-Accounts nachträglich löschen.
Die Schwierigkeit liegt woanders: Der Werbekunde kann diese Fälle kaum voneinander unterscheiden. Er sieht zunächst nur, dass die Followerzahl gestiegen ist.
Genau diese Intransparenz wollte ich mir genauer ansehen und habe deshalb einen kleinen eigenen Test durchgeführt.
Dafür nutzte ich einen älteren TikTok-Account, auf dem bereits Beiträge und frühere Werbeanzeigen vorhanden waren. Zunächst schaltete ich direkt über TikTok eine Kampagne mit dem Ziel Follower-Wachstum.
Rund zwei Monate später verlor der Account innerhalb kurzer Zeit etwa 40 Follower.
Ich kann nicht feststellen, ob diese Follower überhaupt aus der Kampagne stammten. Ebenso wenig lässt sich feststellen, warum sie verschwanden. Es kann sich um ganz normale Entfolgevorgänge gehandelt haben, um eine Bereinigung durch TikTok oder um eine andere Ursache. Auffällig war für mich lediglich der gebündelte Rückgang, zumal andere TikTok-Nutzer vergleichbare Beobachtungen beschrieben hatten. [13]
Anschließend wollte ich wissen, wie TikTok mit Reichweite umgeht, die nicht über das eigene Werbesystem gekauft wurde.
Für mehrere ältere Videos, die zu diesem Zeitpunkt praktisch keine neuen Aufrufe mehr bekamen, kaufte ich bei einem externen Anbieter jeweils 1.000 Views. Die Auslieferung erfolgte nahezu augenblicklich.
Kurz darauf erschien bei den betreffenden Videos innerhalb von TikTok eine Kennzeichnung, nach der diese zusätzliche „Bonus-Views“ erhalten hätten.
Ich wiederholte den Versuch insgesamt dreimal und beobachtete dreimal denselben Ablauf. [13]
Daraus lässt sich kein belastbarer technischer Zusammenhang ableiten. Drei Versuche reichen dafür nicht aus. Möglich wäre beispielsweise, dass TikTok den plötzlichen Anstieg erkannt und technisch auf diese Weise verarbeitet hat. Ebenso könnte die Anzeige der Bonus-Views völlig unabhängig vom externen Kauf ausgelöst worden sein.
Interessant ist der Versuch trotzdem, weil er ein grundsätzliches Problem sichtbar macht: Als Nutzer kann ich nicht erkennen, wie TikTok zusätzliche Reichweite technisch klassifiziert, woher sie stammt und warum sie anschließend in einer bestimmten Form in meinen Statistiken erscheint.
Die für den Versuch verwendeten Beiträge und den Account veröffentliche ich bewusst nicht. Der externe Kauf von Views verstößt gegen die TikTok-Richtlinien und könnte eine Sperrung des Accounts zur Folge haben. Der Test dokumentiert deshalb ausschließlich meine eigene Beobachtung und ist kein reproduzierbarer Nachweis dafür, wie TikTok gekaufte Views grundsätzlich behandelt.
Das Problem geht weit über Fake-Follower hinaus. Unternehmen geben Geld für Sichtbarkeit aus, ohne die Qualität dieser Sichtbarkeit vollständig überprüfen zu können.
Eine Impression kann einen interessierten potenziellen Kunden darstellen. Sie kann aber genauso gut von jemandem stammen, der sofort weiterwischt. Ein neuer Follower kann später zu einem Kunden werden oder nie wieder mit dem Account interagieren. Und zwischen echten Nutzern bewegen sich Millionen Fake-Accounts und zunehmend automatisierte Profile, deren Verhalten immer schwerer von menschlicher Aktivität zu unterscheiden ist.
Trotzdem werden Views, Impressionen und Follower weiterhin als wichtige Erfolgskennzahlen verkauft.
100.000 Impressionen sehen nach Erfolg aus. 5.000 neue Follower ebenfalls. Eine Million Videoaufrufe erst recht.
Wirtschaftlich interessant werden diese Zahlen aber erst, wenn etwas daraus entsteht.
Wenn 100.000 Impressionen kaum Klicks erzeugen, ist die Reichweite für ein Unternehmen wenig wert. Wenn 5.000 neue Follower spätere Beiträge nicht ansehen, entsteht daraus keine aktive Community. Und wenn eine Million Views weder Anfragen noch Leads oder Verkäufe erzeugt, bleibt vor allem eine beeindruckende Zahl im Dashboard.
Unternehmen sollten deshalb sehr viel stärker darauf schauen, was nach der Reichweite passiert: Wie viele Nutzer besuchen die Website? Wie viele stellen eine Anfrage? Wie viele werden zu Leads? Und wie viele kaufen tatsächlich?
Die große Reichweitenlüge besteht nicht darin, dass jede Social-Media-Reichweite falsch oder künstlich wäre. Dafür gibt es keinen Beleg.
Sie besteht darin, dass Reichweite als präzise messbare Größe verkauft wird, während die Qualität hinter dieser Zahl für den Käufer erstaunlich schwer überprüfbar bleibt. Wir können immer genauer sehen, wie viele Impressionen, Views oder Follower wir bekommen haben. Aber immer schlechter beurteilen, wer eigentlich dahintersteckt und welchen wirtschaftlichen Wert diese Sichtbarkeit tatsächlich besitzt.
[1] TikTok Newsroom: „How TikTok counters deceptive behaviour“, Angaben zum ersten Halbjahr 2024.
[2] TikTok Newsroom: „Ressourcen und Tools für einen sicheren Umgang mit KI auf TikTok“, 2026.
[3] CHEQ und University of Baltimore: „The Economic Cost of Bad Actors on the Internet: Fake Influencers“, 2019.
[4] American Marketing Association: „Fraudulent Influencer Marketing Is Costing Brands“, 2019.
[5] AI Forensics: „Prompt, Upload, Repeat: Agentic AI Accounts Flood TikTok“, 2025.
[6] AI Forensics: Untersuchung zu generativem KI-Content in TikTok-Suchergebnissen in Deutschland, Spanien und Polen, 2025.
[7] OpenAI: „June 2026 Threat Report“, 2026.
[8] OpenAI: „Operation A2Z: Multilingual influence activity“.
[9] TikTok for Business: „Über die Werben-Funktion auf TikTok“.
[10] TikTok Ads Manager: „Über das Ziel Community-Interaktion“.
[11] TikTok-Nutzerbericht: „Is it worth it to pay TikTok to promote for followers?“.
[12] Weitere TikTok-Nutzerberichte zu TikTok Promote und auffällig inaktiven beziehungsweise später verschwundenen Followern.
[13] Eigener Test: Parissa Kahvand / rauschsinnig, 2026.
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Frau Parissa Kahvand 22159 info@rauschsinnig.de 01749478971 |
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