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Vom Heiligen Zorn

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Vor allem Frauen brauchen immer wieder eine gehörige Portion von heiligem Zorn. Dann werden sie kreativ und mutig.

Wenn zwei Freundinnen einander treffen, gibt es viel zu erzählen. Doch die letzte Begegnung zwischen Eleonore und Eveline ließ jedoch Platz für mehrere Sprechpausen.



Eleonore kam direkt von ihrer Zahnärztin. Die hatte ihr einen Zahn gezogen. Eleonore vermisste ihn. Das Loch an seiner Stelle schmerzte. Evelines kleine Scherze halfen gar nichts. Beide saßen einfach traurig nebeneinander. Das war zu diesem Zeitpunkt am tröstlichsten.



Nach einiger Zeit erzählte Eleonore: "Weißt du, was am schlimmsten war? Die Zahnärztin hat diesen Missetäter fotografiert, bevor sie ihn gezogen hat. War das ein ekeliger Anblick. Da war ein großer brauner Haufen, der mich ganz fürchterlich an Kacke erinnert hat. Gestunken hat das Zeug auch noch." Eleonores Gesicht war jetzt von Schmerz und Ekel gezeichnet. Der Zahn war überkront gewesen. Die Zahnärztin wollte die Krone retten, doch die Karies hatte sich bereits in weiten Teilen darunter breit gemacht.



Wieder waren beide Frauen einfach nur still. Doch wie jeder weiß, dauert komplette Stille bei Frauen nicht viele Stunden lang. Nach gefühlten dreißig, aber realen sechs Minuten fragte Eveline vorsichtig: "Da hast du viel durchgemacht. Das kann doch nicht umsonst gewesen sein. Wäre es möglich, dass diese ekelhafte braune Masse in deinem Zahn dir irgendetwas mitteilen wollte?" Ein strafender Blick traf sie gleich darauf. Dann war wieder Schweigen angesagt.



Nach einer Weile hob Eleonore ihren Kopf hoch, schaute Eveline an und meinte dann, dass das Schlimme daran sei, dass offensichtlich sie selbst diesen Haufen Mist in ihrem Mund erzeugt hatte. Wer anderer kann es ja nicht gewesen sein. Welche Erkenntnis sollt sie ziehen aus dieser unangenehmen Geschichte? Wo und wie produzier ich denn sonst noch Mist, fragte sie sich. Doch dann durchfuhr sie ein heiliger Zorn. Ein Geistesblitz durchfuhr sie. Ihre Stimme wurde richtig wütend. "Ich glaub, immer wenn ich mich nicht gut genug fühle, Angst davor hab eine möglicherweise in den Augen anderer unvollkommene Leistung abzuliefern, produziere ich genau mit dieser Angst Mist. Der Mist ist, ich bin unzufrieden mit mir, andere bekommen oft gar nicht zu erkennen, was ich so alles drauf hab und außerdem liefere ich sehr viel später ab als notwendig. Und weißt du was das schlimmste ist? Ich spreche viel zu wenige Leute an um sie auf mich aufmerksam zu machen." Fast erschöpft sah Eleonore jetzt aus. Eveline nahm sie in den Arm. Sie war beeindruckt, was ihre Freundin in ihrem Schmerz alles erkannt hatte. Wut und Zorn über sich selbst haben sie heftig wachsen lassen. Ganz aufrecht saß sie jetzt da. Sie fühlte sich jetzt sichtbar besser. "So einen Mist bau ich nicht mehr" versprach sie sich. Eveline sollte sie daran erinnern, wenn sie wieder einmal zögern sollte, ihrer Meinung zu sagen oder zu ihrer Arbeit zu stehen. Die beiden Freundinnen verbrachten noch zwei angenehme Stunden gemeinsam.



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