Pressemitteilung von: Agrar- und Veterinär- Akademie (AVA)
Veröffentlicht auf: PortalDerWirtschaft.de
Anfang August 2026 berichtete die AVA über den erstmaligen Nachweis eines bis dahin in Deutschland unbekannten Shamonda-Virus (Orthobunyavirus) bei Rindern. Die Situation hat sich deutlich verändert.
Aus einem zunächst unbekannten "Shamonda-like-Virus" wird ein zunehmend komplexes epidemiologisches Geschehen, auch in der Milchkuhhaltung in Deutschland.
Noch Anfang August 2026 berichtete die AVA über den erstmaligen Nachweis eines bis dahin in Deutschland unbekannten, mit dem Shamonda-Virus verwandten Orthobunyavirus bei Rindern.
Nur wenige Wochen später hat sich die Situation deutlich verändert: Das Virus hat sich weiter ausgebreitet, das Wirtsspektrum ist größer als zunächst angenommen und - besonders bedeutsam - inzwischen wurden in Deutschland zwei genetisch unterschiedliche Shamonda-Virus-Varianten nachgewiesen.
Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) unterscheidet diese nun als
Shamonda-Virus Europe 1 (SHAV-EU1) und
Shamonda-Virus Europe 2 (SHAV-EU2).
Damit handelt es sich nach derzeitiger Einschätzung nicht lediglich um die Weiterverbreitung einer einzigen eingeschleppten Virusvariante, sondern um zwei unabhängige Einschleppungs- und Ausbreitungsereignisse, deren Verbreitungsgebiete sich in Deutschland teilweise bereits überschneiden. (Friedrich-Loeffler-Institut)
Das macht das Geschehen auch aus tierärztlicher Sicht erheblich interessanter - und komplizierter.
Was seit dem ersten AVA-Bericht neu ist
Anfang August hatte das FLI zunächst ein bislang nicht näher charakterisiertes Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe in Proben erkrankter Rinder aus Süddeutschland nachgewiesen. Alle drei Genomsegmente zeigten die größte Verwandtschaft zum Shamonda-Virus. Wie Schmallenberg-, Akabane- und andere Viren der Simbu-Serogruppe wird SHAV sehr wahrscheinlich überwiegend durch blutsaugende Gnitzen der Gattung Culicoides übertragen.
Die zunächst in der Schweiz, Frankreich und Süddeutschland nachgewiesene europäische Variante breitete sich im August weiter aus. In Deutschland wurden Infektionen unter anderem in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Sachsen festgestellt. Das FLI stellte den Veterinärlaboren der Bundesländer entsprechende diagnostische Testprotokolle zur Verfügung.
Inzwischen wissen wir jedoch: Dieses erste Virus ist nicht allein.
Sequenzanalysen PCR-positiver Proben aus dem Nordwesten und Osten Deutschlands zeigten eine zweite, genetisch deutlich unterscheidbare Shamonda-Virus-verwandte Variante. Entsprechende Rinderproben stammten aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen.
Die zuerst nachgewiesene Variante wird jetzt als SHAV-EU1, die zweite als SHAV-EU2 bezeichnet. Beide gehören zur Spezies Orthobunyavirus schmallenbergense innerhalb der Simbu-Serogruppe.
Auf einen Blick
SHAV-EU1: zunächst vor allem Süddeutschland, Schweiz und Frankreich; inzwischen Nachweise bei Rindern sowie Infektionen bei Pferd, Schaf, Ziege und Alpaka.
SHAV-EU2: zweite, genetisch unterscheidbare Variante; bislang nach aktuellem FLI-Stand vor allem aus Rinderproben in Nordwest- und Ostdeutschland bekannt.
Entscheidend: Das FLI geht von zwei unabhängigen Einschleppungs- und Ausbreitungsereignissen aus.
Offene Frage: Ob eine durch SHAV-EU1 erworbene Immunität ausreichend gegen SHAV-EU2 schützt, ist derzeit nicht geklärt.
Drei verwandte Simbu-Orthobunyaviren gleichzeitig in Deutschland
Aus virologischer Sicht verdient eine weitere Entwicklung besondere Aufmerksamkeit.
In Deutschland zirkulieren derzeit: Schmallenberg-Virus (SBV), SHAV-EU1 und SHAV-EU2.
Orthobunyaviren besitzen kein durchgehendes Genom, sondern drei RNA-Segmente - S, M und L. Treffen genetisch unterschiedliche, aber kompatible Viren in einem Wirt bzw. Vektor zusammen, besteht grundsätzlich die Möglichkeit eines Austausches kompletter Genomsegmente, des sogenannten Reassortments.
Das ist keineswegs nur ein theoretisches Szenario. Bereits genetische Untersuchungen verwandter Simbuviren haben gezeigt, dass Reassortment eine wichtige Rolle in deren Evolution spielt. Für das Schmallenberg-Virus wurde beispielsweise eine reassortierte Genomstruktur im Verwandtschaftskomplex von Sathuperi- und Shamonda-Viren beschrieben.
Das FLI weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass bei der derzeitigen Ko-Zirkulation der drei verwandten Orthobunyaviren ein Austausch von Genomsegmenten möglich ist.
Das bedeutet nicht, dass zwangsläufig ein neues pathogenes Virus entstehen wird. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die molekulare Surveillance und vollständige Genomsequenzierung der zirkulierenden Viren eine hohe Bedeutung haben.
SHAV-EU1 und SHAV-EU2 unterscheiden sich genetisch
Nach ersten Untersuchungen unterscheiden sich alle drei Genomsegmente von SHAV-EU2 von denen des SHAV-EU1. Detaillierte phylogenetische Untersuchungen zur genaueren Einordnung laufen noch.
Für die Immunologie ist insbesondere das M-Segment interessant. Nach dem aktuellen FLI-Steckbrief sind S- und L-Segment von Schmallenberg- und Shamonda-Virus eng verwandt, während das für Antigenität und Immunantwort besonders bedeutsame M-Segment eine deutlich geringere Übereinstimmung aufweist.
Daraus ergibt sich eine für Tierärzte und Bestandsbetreuer zentrale, derzeit aber noch unbeantwortete Frage:
Wie ausgeprägt ist die Kreuzimmunität zwischen SHAV-EU1, SHAV-EU2 und anderen Simbuviren?
Insbesondere ist bislang ungeklärt, ob eine überstandene SHAV-EU1-Infektion einen ausreichenden Schutz vor SHAV-EU2 vermittelt.
Klinisches Bild beim Rind
Bei akut infizierten adulten Rindern dominieren weiterhin die bereits aus den ersten Ausbrüchen bekannten Symptome:
Fieber, deutlicher Milchleistungsrückgang und Durchfall.
Die Erkrankung adulter Tiere verläuft vielfach vergleichsweise mild und vorübergehend. Für die tierärztliche Bestandsbetreuung darf daraus jedoch keinesfalls geschlossen werden, dass SHAV grundsätzlich klinisch unbedeutend sei.
Denn die inzwischen entscheidende Frage betrifft weniger die kurzfristige Erkrankung der adulten Kuh als vielmehr die Infektion während der Trächtigkeit und ihre Folgen für den Fetus. (OpenAgrar)
Die besondere Gefahr liegt möglicherweise in der Trächtigkeit
Was Anfang August aufgrund der engen Verwandtschaft zum Schmallenberg-Virus zunächst vor allem vermutet werden musste, ist inzwischen erheblich konkreter geworden.
In der Schweiz wurde Shamonda-Virus bereits in mehreren abortierten Rinderföten nachgewiesen. Damit ist die Möglichkeit einer transplazentaren Infektion nicht mehr lediglich eine theoretische Analogie zum Schmallenberg-Virus.
Der aktuelle FLI-Steckbrief beschreibt als mögliche Folgen einer fetalen Infektion Aborte und schwere Entwicklungsstörungen. Bei Kälbern wurden unter anderem Veränderungen des muskuloskelettalen Systems wie:
* Arthrogrypose, Torticollis, Skoliose und Kyphose sowie Veränderungen des zentralen Nervensystems wie
* Hydranenzephalie, Porenzephalie sowie Hypoplasien von Groß- oder Kleinhirn dokumentiert. Das Krankheitsbild entspricht damit dem von anderen Simbuvirus-Infektionen bekannten Arthrogrypose-Hydranenzephalie-Syndrom (AHS).
Für die Rinderpraxis ist dieser Punkt von erheblicher Bedeutung: Die epidemiologischen Folgen der Infektionswelle des Sommers 2026 könnten teilweise zeitverzögert sichtbar werden.
Aborte, Totgeburten und kongenitale Missbildungen aus Beständen mit vorausgegangenen klinischen SHAV-Verdachtsfällen sollten deshalb konsequent diagnostisch abgeklärt und dokumentiert werden.
Besonders sensibles Trächtigkeitsfenster
Das FLI orientiert sich derzeit aufgrund der Verwandtschaft der Viren an den Erfahrungen mit anderen Simbuviren. Als vulnerables Stadium werden beim Rind analog zum Schmallenberg-Virus ungefähr die 8. bis 14. Trächtigkeitswoche, beim Schaf etwa die 4. bis 8. Trächtigkeitswoche diskutiert.
Diese Zeiträume sollten allerdings nicht als bereits exakt für SHAV definierte biologische Grenzen missverstanden werden. Die entsprechenden Zusammenhänge müssen für die beiden neuen europäischen Varianten noch genauer untersucht werden.
Für die Bestandsbetreuung ergibt sich dennoch schon jetzt ein wichtiger Ansatz: Infektionszeitpunkt, Besamungsdatum, Trächtigkeitsstadium und spätere Reproduktionsstörungen sollten möglichst exakt miteinander verknüpft dokumentiert werden.
Nicht nur Rinder sind betroffen
Auch hinsichtlich des Wirtsspektrums hat sich der Kenntnisstand seit Anfang August deutlich erweitert.
Für SHAV-EU1 sind inzwischen Infektionen bei Rindern, Schafen, Ziegen, Alpakas und Pferden nachgewiesen. Rinder gelten für beide europäischen Kladen als wichtige Wirte. Für SHAV-EU2 ist das genaue Wirtsspektrum dagegen noch unklar.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Nachweis bei Pferden.
Das FLI bestätigte SHAV bei einem Pferd aus Rheinland-Pfalz, das vor seinem Tod zentralnervöse Störungen gezeigt hatte. In der Gehirnprobe wurde eine hohe Viruslast festgestellt. Nach Einschätzung des FLI macht dies einen Zusammenhang zwischen Infektion und neurologischer Symptomatik wahrscheinlich.
Auch in der Schweiz wurde Shamonda-Virus in Gehirnmaterial von zwei Pferden mit zentralnervösen Störungen nachgewiesen. Bei weiteren Pferden wurden kreuzreagierende Antikörper gefunden; dort lässt sich aus dem Antikörpernachweis allein allerdings keine Kausalität für die neurologischen Symptome ableiten.
Für die Pferdepraxis ergibt sich daraus eine neue differenzialdiagnostische Konsequenz: Das FLI empfiehlt bei Pferden mit zentralnervösen Störungen und negativen Untersuchungen auf West-Nil-Virus bzw. Bornavirus auch eine Untersuchung auf SHAV in Betracht zu ziehen.
Diagnostik: Die Probenahme zum richtigen Zeitpunkt entscheidet
Der direkte Erregernachweis erfolgt mittels real-time RT-PCR, spezifischer SHAV-PCR bzw. Pan-Simbuvirus-PCR mit anschließender Sequenzierung. Auch eine Virusanzucht ist möglich.
Bei akut erkrankten Rindern sollten Serum oder EDTA-Blut während der klinischen Phase - also bei Fieber, Milchrückgang oder Durchfall - entnommen werden.
Bei Todesfällen mit zentralnervöser Symptomatik ist Gehirnmaterial besonders geeignet.
Bei Aborten, Totgeburten sowie missgebildeten Kälbern oder Lämmern sollte insbesondere Groß- und Kleinhirn untersucht werden; wenn möglich sollten zusätzlich Milz- und Blutproben gewonnen werden.
Eine wichtige Ergänzung betrifft die Serologie.
Antikörper können mittels Immunfluoreszenz und Neutralisationstest nachgewiesen werden. Allerdings zeigen Simbuviren erhebliche serologische Kreuzreaktionen. Insbesondere N-Protein-basierte ELISA-Systeme können deshalb nicht ohne Weiteres zwischen verwandten Simbuviren unterscheiden.
Ein positiver Schmallenberg-Virus-ELISA kann somit unter Umständen auch eine vorausgegangene Shamonda-Virus-Infektion oder eine Infektion mit einem anderen verwandten Simbuvirus widerspiegeln. Für eine belastbare Zuordnung sind vergleichende Neutralisationstests erforderlich.
Für die Tierarztpraxis
* Bei akutem Fieber + Durchfall + Milchrückgang während der Gnitzenaktivität sollte SHAV inzwischen Bestandteil der Differenzialdiagnostik sein.
* Bei Abort, Totgeburt oder kongenitalen Missbildungen sollte gezielt an Simbuviren einschließlich SHAV und SBV gedacht werden.
* Bei der Einsendung empfiehlt sich eine möglichst genaue klinische und epidemiologische Anamnese einschließlich Bestandsnummer, Tieridentifikation, Erkrankungsbeginn, Trächtigkeitsstadium und gegebenenfalls vorausgegangener klinischer Fälle im Bestand.
* Die Untersuchung sollte über die zuständige Landesuntersuchungseinrichtung erfolgen.
* Differenzialdiagnostik: SHAV, Schmallenberg und Blauzunge
Für den praktizierenden Rindertierarzt ist die klinische Abgrenzung allein schwierig.
Insbesondere die akute Infektion mit Schmallenberg-Virus kann mit Fieber, Milchrückgang und Durchfall ein sehr ähnliches Bild verursachen. Auch die möglichen fetalen Schäden überschneiden sich erheblich.
Bei der Blauzungenkrankheit können dagegen zusätzlich ausgeprägtere Schleimhautveränderungen, Ödeme, Läsionen im Maulbereich, Veränderungen an Zitzen sowie Lahmheiten auftreten. Dennoch kann bei atypischen oder milden Verläufen eine rein klinische Zuordnung problematisch sein.
Entscheidend ist deshalb die Labordiagnostik.
Was kann der Tierhalter tun?
Eine spezifische Therapie gegen SHAV steht nicht zur Verfügung. Auch ein zugelassener spezifischer Impfstoff ist derzeit nicht verfügbar.
Klassische Bekämpfungsmaßnahmen können eine Infektion mit einem durch Gnitzen übertragenen Virus nicht zuverlässig verhindern. Maßnahmen zur Reduktion der Exposition gegenüber Culicoides können jedoch insbesondere während der vektoraktiven Zeit zur Verminderung des Infektionsrisikos beitragen.
Dazu gehören ein betriebsspezifisches Vektormanagement und - soweit praktikabel - die Reduzierung des Kontaktes besonders gefährdeter Tiere mit Gnitzen.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei seronegative Tiere während vulnerabler Trächtigkeitsstadien.
Das FLI weist sogar darauf hin, dass - soweit betrieblich realisierbar - der Besamungszeitpunkt so gewählt werden könnte, dass besonders vulnerable Trächtigkeitsphasen möglichst außerhalb der vektoraktiven Jahreszeit liegen.
Für Milchviehbetriebe ist dies naturgemäß nicht ohne Weiteres umzusetzen. Der Hinweis verdeutlicht aber die besondere Bedeutung, die der fetalen Infektion beigemessen wird.
Keine nachgewiesene Erkrankung des Menschen
Für eine klinische Erkrankung des Menschen durch Shamonda-Virus gibt es nach aktuellem Kenntnisstand keinen Nachweis. Simbuviren dieser Gruppe gelten im Allgemeinen nicht als relevante Zoonoseerreger.
Das ist etwas anderes als die absolute Aussage, das Virus sei "für Menschen ungefährlich". Bei einem neu auftretenden Erreger sollte aus wissenschaftlicher Sicht stets der aktuelle Kenntnisstand formuliert werden.
Neue französische Daten bestätigen das klinische Bild
Bemerkenswert ist inzwischen auch eine aktuelle wissenschaftliche Publikation aus Frankreich.
Kelleci et al. beschrieben 2026 in Eurosurveillance Fälle bei Milchkühen in Ostfrankreich mit akutem Fieber, Diarrhoe, Lethargie und ausgeprägtem Milchleistungsrückgang. Mittels metagenomischer Nanopore-Sequenzierung wurde ein Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe nachgewiesen und das vollständige Genom charakterisiert.
Die L- und M-Segmente gruppierten sich mit nigerianischen Shamonda-Viren, während das S-Segment ein abweichendes phylogenetisches Muster zeigte. Die Autoren diskutieren deshalb unter anderem Mutation bzw. Reassortment als mögliche Erklärung. Damit liegen inzwischen nicht nur behördliche Meldungen, sondern auch erste peer-reviewte molekular-epidemiologische Daten zum europäischen Geschehen vor.
Was wir derzeit noch nicht wissen
Trotz des raschen Erkenntnisgewinns bleiben entscheidende Fragen offen:
* Wie groß ist die tatsächliche Verbreitung von SHAV-EU1 und SHAV-EU2?
* Welche Culicoides-Arten sind in Mitteleuropa die wichtigsten Vektoren?
* Wie hoch ist die klinische und subklinische Infektionsrate in Rinderbeständen?
* Wie häufig kommt es tatsächlich zu Aborten und kongenitalen Schäden?
* Welche Gestationsstadien sind für SHAV-EU1 und SHAV-EU2 besonders vulnerabel?
* Wie lange hält die Immunität nach natürlicher Infektion an?
* Besteht ein ausreichender Kreuzschutz zwischen SHAV-EU1 und SHAV-EU2?
* Welchen Einfluss haben vorausgegangene Infektionen mit Schmallenberg-Virus auf die Immunantwort?
Und schließlich: Welche epidemiologische Bedeutung hat die gleichzeitige Zirkulation mehrerer segmentierter Simbu-Orthobunyaviren hinsichtlich möglicher Reassortment-Ereignisse?
Gerade diese offenen Fragen machen eine konsequente klinische Beobachtung, Probenahme und wissenschaftliche Begleitung der Infektionswelle notwendig.
Der Hoftierarzt wird zum wichtigen epidemiologischen Beobachter
Für die tierärztliche Bestandsbetreuung liegt hier eine besondere Aufgabe.
Der Hoftierarzt sieht nicht nur das einzelne fiebernde Tier. Er kennt die Herde, die Milchleistungsentwicklung, die Reproduktionsdaten, die Besamungstermine, Aborte, Totgeburten und möglicherweise erst Monate später auftretende kongenitale Veränderungen.
Genau diese Verknüpfung von klinischer Beobachtung, Produktionsdaten, Reproduktionsmanagement und gezielter Labordiagnostik kann wesentlich dazu beitragen, die tatsächliche Bedeutung des neuen Virusgeschehens zu verstehen.
Das gilt umso mehr, weil eine exakte bundesweite Erfassung derzeit schwierig ist. Das FLI weist darauf hin, dass aufgrund der fehlenden Meldepflicht keine einheitliche Erfassung wie bei meldepflichtigen Tierseuchen erfolgt.
Fazit
Innerhalb weniger Wochen hat sich aus dem zunächst als "Shamonda-like-Virus" bezeichneten neuen Erreger ein wesentlich komplexeres epidemiologisches Geschehen entwickelt.
In Deutschland zirkulieren inzwischen zwei genetisch unterscheidbare Shamonda-Virus-Kladen, SHAV-EU1 und SHAV-EU2. Zusammen mit dem enzootischen Schmallenberg-Virus sind damit drei eng verwandte Orthobunyaviren der Simbu-Serogruppe gleichzeitig präsent.
Für adulte Rinder scheint die akute Erkrankung häufig relativ mild und vorübergehend zu verlaufen. Die größere tiermedizinische und möglicherweise wirtschaftliche Bedeutung könnte jedoch in der Reproduktionsmedizin liegen: transplazentare Infektionen, Aborte, Totgeburten und kongenitale Fehlbildungen verdienen in den kommenden Monaten besondere Aufmerksamkeit.
Hinzu kommen Nachweise bei weiteren Tierarten und erstmals neurologische Erkrankungen bei SHAV-infizierten Pferden.
Für die Praxis bedeutet dies:
SHAV gehört ab sofort in die Differenzialdiagnostik.
Bei akuten Fiebergeschehen mit Milchrückgang und Durchfall ebenso wie bei Aborten, Totgeburten und missgebildeten Kälbern sollte an SHAV gedacht und geeignetes Material zur Labordiagnostik eingesandt werden.
Das Geschehen des Sommers 2026 zeigt erneut, wie schnell sich vektorübertragene Viren in mitteleuropäischen Nutztierpopulationen etablieren können.
Die nächsten Monate werden zeigen, welche langfristige Bedeutung SHAV-EU1 und SHAV-EU2 für Rindergesundheit, Reproduktion und Bestandsbetreuung tatsächlich entwickeln.
EG Hellwig
Fachtierarzt & Agrarwissenschaftler
Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA), Birkenweg 7, 48565 Steinfurt, tel +49-02551-7878; info@ava1.de / www.ava1.de
Aus einem zunächst unbekannten "Shamonda-like-Virus" wird ein zunehmend komplexes epidemiologisches Geschehen, auch in der Milchkuhhaltung in Deutschland.
Noch Anfang August 2026 berichtete die AVA über den erstmaligen Nachweis eines bis dahin in Deutschland unbekannten, mit dem Shamonda-Virus verwandten Orthobunyavirus bei Rindern.
Nur wenige Wochen später hat sich die Situation deutlich verändert: Das Virus hat sich weiter ausgebreitet, das Wirtsspektrum ist größer als zunächst angenommen und - besonders bedeutsam - inzwischen wurden in Deutschland zwei genetisch unterschiedliche Shamonda-Virus-Varianten nachgewiesen.
Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) unterscheidet diese nun als
Shamonda-Virus Europe 1 (SHAV-EU1) und
Shamonda-Virus Europe 2 (SHAV-EU2).
Damit handelt es sich nach derzeitiger Einschätzung nicht lediglich um die Weiterverbreitung einer einzigen eingeschleppten Virusvariante, sondern um zwei unabhängige Einschleppungs- und Ausbreitungsereignisse, deren Verbreitungsgebiete sich in Deutschland teilweise bereits überschneiden. (Friedrich-Loeffler-Institut)
Das macht das Geschehen auch aus tierärztlicher Sicht erheblich interessanter - und komplizierter.
Was seit dem ersten AVA-Bericht neu ist
Anfang August hatte das FLI zunächst ein bislang nicht näher charakterisiertes Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe in Proben erkrankter Rinder aus Süddeutschland nachgewiesen. Alle drei Genomsegmente zeigten die größte Verwandtschaft zum Shamonda-Virus. Wie Schmallenberg-, Akabane- und andere Viren der Simbu-Serogruppe wird SHAV sehr wahrscheinlich überwiegend durch blutsaugende Gnitzen der Gattung Culicoides übertragen.
Die zunächst in der Schweiz, Frankreich und Süddeutschland nachgewiesene europäische Variante breitete sich im August weiter aus. In Deutschland wurden Infektionen unter anderem in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Sachsen festgestellt. Das FLI stellte den Veterinärlaboren der Bundesländer entsprechende diagnostische Testprotokolle zur Verfügung.
Inzwischen wissen wir jedoch: Dieses erste Virus ist nicht allein.
Sequenzanalysen PCR-positiver Proben aus dem Nordwesten und Osten Deutschlands zeigten eine zweite, genetisch deutlich unterscheidbare Shamonda-Virus-verwandte Variante. Entsprechende Rinderproben stammten aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen.
Die zuerst nachgewiesene Variante wird jetzt als SHAV-EU1, die zweite als SHAV-EU2 bezeichnet. Beide gehören zur Spezies Orthobunyavirus schmallenbergense innerhalb der Simbu-Serogruppe.
Auf einen Blick
SHAV-EU1: zunächst vor allem Süddeutschland, Schweiz und Frankreich; inzwischen Nachweise bei Rindern sowie Infektionen bei Pferd, Schaf, Ziege und Alpaka.
SHAV-EU2: zweite, genetisch unterscheidbare Variante; bislang nach aktuellem FLI-Stand vor allem aus Rinderproben in Nordwest- und Ostdeutschland bekannt.
Entscheidend: Das FLI geht von zwei unabhängigen Einschleppungs- und Ausbreitungsereignissen aus.
Offene Frage: Ob eine durch SHAV-EU1 erworbene Immunität ausreichend gegen SHAV-EU2 schützt, ist derzeit nicht geklärt.
Drei verwandte Simbu-Orthobunyaviren gleichzeitig in Deutschland
Aus virologischer Sicht verdient eine weitere Entwicklung besondere Aufmerksamkeit.
In Deutschland zirkulieren derzeit: Schmallenberg-Virus (SBV), SHAV-EU1 und SHAV-EU2.
Orthobunyaviren besitzen kein durchgehendes Genom, sondern drei RNA-Segmente - S, M und L. Treffen genetisch unterschiedliche, aber kompatible Viren in einem Wirt bzw. Vektor zusammen, besteht grundsätzlich die Möglichkeit eines Austausches kompletter Genomsegmente, des sogenannten Reassortments.
Das ist keineswegs nur ein theoretisches Szenario. Bereits genetische Untersuchungen verwandter Simbuviren haben gezeigt, dass Reassortment eine wichtige Rolle in deren Evolution spielt. Für das Schmallenberg-Virus wurde beispielsweise eine reassortierte Genomstruktur im Verwandtschaftskomplex von Sathuperi- und Shamonda-Viren beschrieben.
Das FLI weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass bei der derzeitigen Ko-Zirkulation der drei verwandten Orthobunyaviren ein Austausch von Genomsegmenten möglich ist.
Das bedeutet nicht, dass zwangsläufig ein neues pathogenes Virus entstehen wird. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die molekulare Surveillance und vollständige Genomsequenzierung der zirkulierenden Viren eine hohe Bedeutung haben.
SHAV-EU1 und SHAV-EU2 unterscheiden sich genetisch
Nach ersten Untersuchungen unterscheiden sich alle drei Genomsegmente von SHAV-EU2 von denen des SHAV-EU1. Detaillierte phylogenetische Untersuchungen zur genaueren Einordnung laufen noch.
Für die Immunologie ist insbesondere das M-Segment interessant. Nach dem aktuellen FLI-Steckbrief sind S- und L-Segment von Schmallenberg- und Shamonda-Virus eng verwandt, während das für Antigenität und Immunantwort besonders bedeutsame M-Segment eine deutlich geringere Übereinstimmung aufweist.
Daraus ergibt sich eine für Tierärzte und Bestandsbetreuer zentrale, derzeit aber noch unbeantwortete Frage:
Wie ausgeprägt ist die Kreuzimmunität zwischen SHAV-EU1, SHAV-EU2 und anderen Simbuviren?
Insbesondere ist bislang ungeklärt, ob eine überstandene SHAV-EU1-Infektion einen ausreichenden Schutz vor SHAV-EU2 vermittelt.
Klinisches Bild beim Rind
Bei akut infizierten adulten Rindern dominieren weiterhin die bereits aus den ersten Ausbrüchen bekannten Symptome:
Fieber, deutlicher Milchleistungsrückgang und Durchfall.
Die Erkrankung adulter Tiere verläuft vielfach vergleichsweise mild und vorübergehend. Für die tierärztliche Bestandsbetreuung darf daraus jedoch keinesfalls geschlossen werden, dass SHAV grundsätzlich klinisch unbedeutend sei.
Denn die inzwischen entscheidende Frage betrifft weniger die kurzfristige Erkrankung der adulten Kuh als vielmehr die Infektion während der Trächtigkeit und ihre Folgen für den Fetus. (OpenAgrar)
Die besondere Gefahr liegt möglicherweise in der Trächtigkeit
Was Anfang August aufgrund der engen Verwandtschaft zum Schmallenberg-Virus zunächst vor allem vermutet werden musste, ist inzwischen erheblich konkreter geworden.
In der Schweiz wurde Shamonda-Virus bereits in mehreren abortierten Rinderföten nachgewiesen. Damit ist die Möglichkeit einer transplazentaren Infektion nicht mehr lediglich eine theoretische Analogie zum Schmallenberg-Virus.
Der aktuelle FLI-Steckbrief beschreibt als mögliche Folgen einer fetalen Infektion Aborte und schwere Entwicklungsstörungen. Bei Kälbern wurden unter anderem Veränderungen des muskuloskelettalen Systems wie:
* Arthrogrypose, Torticollis, Skoliose und Kyphose sowie Veränderungen des zentralen Nervensystems wie
* Hydranenzephalie, Porenzephalie sowie Hypoplasien von Groß- oder Kleinhirn dokumentiert. Das Krankheitsbild entspricht damit dem von anderen Simbuvirus-Infektionen bekannten Arthrogrypose-Hydranenzephalie-Syndrom (AHS).
Für die Rinderpraxis ist dieser Punkt von erheblicher Bedeutung: Die epidemiologischen Folgen der Infektionswelle des Sommers 2026 könnten teilweise zeitverzögert sichtbar werden.
Aborte, Totgeburten und kongenitale Missbildungen aus Beständen mit vorausgegangenen klinischen SHAV-Verdachtsfällen sollten deshalb konsequent diagnostisch abgeklärt und dokumentiert werden.
Besonders sensibles Trächtigkeitsfenster
Das FLI orientiert sich derzeit aufgrund der Verwandtschaft der Viren an den Erfahrungen mit anderen Simbuviren. Als vulnerables Stadium werden beim Rind analog zum Schmallenberg-Virus ungefähr die 8. bis 14. Trächtigkeitswoche, beim Schaf etwa die 4. bis 8. Trächtigkeitswoche diskutiert.
Diese Zeiträume sollten allerdings nicht als bereits exakt für SHAV definierte biologische Grenzen missverstanden werden. Die entsprechenden Zusammenhänge müssen für die beiden neuen europäischen Varianten noch genauer untersucht werden.
Für die Bestandsbetreuung ergibt sich dennoch schon jetzt ein wichtiger Ansatz: Infektionszeitpunkt, Besamungsdatum, Trächtigkeitsstadium und spätere Reproduktionsstörungen sollten möglichst exakt miteinander verknüpft dokumentiert werden.
Nicht nur Rinder sind betroffen
Auch hinsichtlich des Wirtsspektrums hat sich der Kenntnisstand seit Anfang August deutlich erweitert.
Für SHAV-EU1 sind inzwischen Infektionen bei Rindern, Schafen, Ziegen, Alpakas und Pferden nachgewiesen. Rinder gelten für beide europäischen Kladen als wichtige Wirte. Für SHAV-EU2 ist das genaue Wirtsspektrum dagegen noch unklar.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Nachweis bei Pferden.
Das FLI bestätigte SHAV bei einem Pferd aus Rheinland-Pfalz, das vor seinem Tod zentralnervöse Störungen gezeigt hatte. In der Gehirnprobe wurde eine hohe Viruslast festgestellt. Nach Einschätzung des FLI macht dies einen Zusammenhang zwischen Infektion und neurologischer Symptomatik wahrscheinlich.
Auch in der Schweiz wurde Shamonda-Virus in Gehirnmaterial von zwei Pferden mit zentralnervösen Störungen nachgewiesen. Bei weiteren Pferden wurden kreuzreagierende Antikörper gefunden; dort lässt sich aus dem Antikörpernachweis allein allerdings keine Kausalität für die neurologischen Symptome ableiten.
Für die Pferdepraxis ergibt sich daraus eine neue differenzialdiagnostische Konsequenz: Das FLI empfiehlt bei Pferden mit zentralnervösen Störungen und negativen Untersuchungen auf West-Nil-Virus bzw. Bornavirus auch eine Untersuchung auf SHAV in Betracht zu ziehen.
Diagnostik: Die Probenahme zum richtigen Zeitpunkt entscheidet
Der direkte Erregernachweis erfolgt mittels real-time RT-PCR, spezifischer SHAV-PCR bzw. Pan-Simbuvirus-PCR mit anschließender Sequenzierung. Auch eine Virusanzucht ist möglich.
Bei akut erkrankten Rindern sollten Serum oder EDTA-Blut während der klinischen Phase - also bei Fieber, Milchrückgang oder Durchfall - entnommen werden.
Bei Todesfällen mit zentralnervöser Symptomatik ist Gehirnmaterial besonders geeignet.
Bei Aborten, Totgeburten sowie missgebildeten Kälbern oder Lämmern sollte insbesondere Groß- und Kleinhirn untersucht werden; wenn möglich sollten zusätzlich Milz- und Blutproben gewonnen werden.
Eine wichtige Ergänzung betrifft die Serologie.
Antikörper können mittels Immunfluoreszenz und Neutralisationstest nachgewiesen werden. Allerdings zeigen Simbuviren erhebliche serologische Kreuzreaktionen. Insbesondere N-Protein-basierte ELISA-Systeme können deshalb nicht ohne Weiteres zwischen verwandten Simbuviren unterscheiden.
Ein positiver Schmallenberg-Virus-ELISA kann somit unter Umständen auch eine vorausgegangene Shamonda-Virus-Infektion oder eine Infektion mit einem anderen verwandten Simbuvirus widerspiegeln. Für eine belastbare Zuordnung sind vergleichende Neutralisationstests erforderlich.
Für die Tierarztpraxis
* Bei akutem Fieber + Durchfall + Milchrückgang während der Gnitzenaktivität sollte SHAV inzwischen Bestandteil der Differenzialdiagnostik sein.
* Bei Abort, Totgeburt oder kongenitalen Missbildungen sollte gezielt an Simbuviren einschließlich SHAV und SBV gedacht werden.
* Bei der Einsendung empfiehlt sich eine möglichst genaue klinische und epidemiologische Anamnese einschließlich Bestandsnummer, Tieridentifikation, Erkrankungsbeginn, Trächtigkeitsstadium und gegebenenfalls vorausgegangener klinischer Fälle im Bestand.
* Die Untersuchung sollte über die zuständige Landesuntersuchungseinrichtung erfolgen.
* Differenzialdiagnostik: SHAV, Schmallenberg und Blauzunge
Für den praktizierenden Rindertierarzt ist die klinische Abgrenzung allein schwierig.
Insbesondere die akute Infektion mit Schmallenberg-Virus kann mit Fieber, Milchrückgang und Durchfall ein sehr ähnliches Bild verursachen. Auch die möglichen fetalen Schäden überschneiden sich erheblich.
Bei der Blauzungenkrankheit können dagegen zusätzlich ausgeprägtere Schleimhautveränderungen, Ödeme, Läsionen im Maulbereich, Veränderungen an Zitzen sowie Lahmheiten auftreten. Dennoch kann bei atypischen oder milden Verläufen eine rein klinische Zuordnung problematisch sein.
Entscheidend ist deshalb die Labordiagnostik.
Was kann der Tierhalter tun?
Eine spezifische Therapie gegen SHAV steht nicht zur Verfügung. Auch ein zugelassener spezifischer Impfstoff ist derzeit nicht verfügbar.
Klassische Bekämpfungsmaßnahmen können eine Infektion mit einem durch Gnitzen übertragenen Virus nicht zuverlässig verhindern. Maßnahmen zur Reduktion der Exposition gegenüber Culicoides können jedoch insbesondere während der vektoraktiven Zeit zur Verminderung des Infektionsrisikos beitragen.
Dazu gehören ein betriebsspezifisches Vektormanagement und - soweit praktikabel - die Reduzierung des Kontaktes besonders gefährdeter Tiere mit Gnitzen.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei seronegative Tiere während vulnerabler Trächtigkeitsstadien.
Das FLI weist sogar darauf hin, dass - soweit betrieblich realisierbar - der Besamungszeitpunkt so gewählt werden könnte, dass besonders vulnerable Trächtigkeitsphasen möglichst außerhalb der vektoraktiven Jahreszeit liegen.
Für Milchviehbetriebe ist dies naturgemäß nicht ohne Weiteres umzusetzen. Der Hinweis verdeutlicht aber die besondere Bedeutung, die der fetalen Infektion beigemessen wird.
Keine nachgewiesene Erkrankung des Menschen
Für eine klinische Erkrankung des Menschen durch Shamonda-Virus gibt es nach aktuellem Kenntnisstand keinen Nachweis. Simbuviren dieser Gruppe gelten im Allgemeinen nicht als relevante Zoonoseerreger.
Das ist etwas anderes als die absolute Aussage, das Virus sei "für Menschen ungefährlich". Bei einem neu auftretenden Erreger sollte aus wissenschaftlicher Sicht stets der aktuelle Kenntnisstand formuliert werden.
Neue französische Daten bestätigen das klinische Bild
Bemerkenswert ist inzwischen auch eine aktuelle wissenschaftliche Publikation aus Frankreich.
Kelleci et al. beschrieben 2026 in Eurosurveillance Fälle bei Milchkühen in Ostfrankreich mit akutem Fieber, Diarrhoe, Lethargie und ausgeprägtem Milchleistungsrückgang. Mittels metagenomischer Nanopore-Sequenzierung wurde ein Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe nachgewiesen und das vollständige Genom charakterisiert.
Die L- und M-Segmente gruppierten sich mit nigerianischen Shamonda-Viren, während das S-Segment ein abweichendes phylogenetisches Muster zeigte. Die Autoren diskutieren deshalb unter anderem Mutation bzw. Reassortment als mögliche Erklärung. Damit liegen inzwischen nicht nur behördliche Meldungen, sondern auch erste peer-reviewte molekular-epidemiologische Daten zum europäischen Geschehen vor.
Was wir derzeit noch nicht wissen
Trotz des raschen Erkenntnisgewinns bleiben entscheidende Fragen offen:
* Wie groß ist die tatsächliche Verbreitung von SHAV-EU1 und SHAV-EU2?
* Welche Culicoides-Arten sind in Mitteleuropa die wichtigsten Vektoren?
* Wie hoch ist die klinische und subklinische Infektionsrate in Rinderbeständen?
* Wie häufig kommt es tatsächlich zu Aborten und kongenitalen Schäden?
* Welche Gestationsstadien sind für SHAV-EU1 und SHAV-EU2 besonders vulnerabel?
* Wie lange hält die Immunität nach natürlicher Infektion an?
* Besteht ein ausreichender Kreuzschutz zwischen SHAV-EU1 und SHAV-EU2?
* Welchen Einfluss haben vorausgegangene Infektionen mit Schmallenberg-Virus auf die Immunantwort?
Und schließlich: Welche epidemiologische Bedeutung hat die gleichzeitige Zirkulation mehrerer segmentierter Simbu-Orthobunyaviren hinsichtlich möglicher Reassortment-Ereignisse?
Gerade diese offenen Fragen machen eine konsequente klinische Beobachtung, Probenahme und wissenschaftliche Begleitung der Infektionswelle notwendig.
Der Hoftierarzt wird zum wichtigen epidemiologischen Beobachter
Für die tierärztliche Bestandsbetreuung liegt hier eine besondere Aufgabe.
Der Hoftierarzt sieht nicht nur das einzelne fiebernde Tier. Er kennt die Herde, die Milchleistungsentwicklung, die Reproduktionsdaten, die Besamungstermine, Aborte, Totgeburten und möglicherweise erst Monate später auftretende kongenitale Veränderungen.
Genau diese Verknüpfung von klinischer Beobachtung, Produktionsdaten, Reproduktionsmanagement und gezielter Labordiagnostik kann wesentlich dazu beitragen, die tatsächliche Bedeutung des neuen Virusgeschehens zu verstehen.
Das gilt umso mehr, weil eine exakte bundesweite Erfassung derzeit schwierig ist. Das FLI weist darauf hin, dass aufgrund der fehlenden Meldepflicht keine einheitliche Erfassung wie bei meldepflichtigen Tierseuchen erfolgt.
Fazit
Innerhalb weniger Wochen hat sich aus dem zunächst als "Shamonda-like-Virus" bezeichneten neuen Erreger ein wesentlich komplexeres epidemiologisches Geschehen entwickelt.
In Deutschland zirkulieren inzwischen zwei genetisch unterscheidbare Shamonda-Virus-Kladen, SHAV-EU1 und SHAV-EU2. Zusammen mit dem enzootischen Schmallenberg-Virus sind damit drei eng verwandte Orthobunyaviren der Simbu-Serogruppe gleichzeitig präsent.
Für adulte Rinder scheint die akute Erkrankung häufig relativ mild und vorübergehend zu verlaufen. Die größere tiermedizinische und möglicherweise wirtschaftliche Bedeutung könnte jedoch in der Reproduktionsmedizin liegen: transplazentare Infektionen, Aborte, Totgeburten und kongenitale Fehlbildungen verdienen in den kommenden Monaten besondere Aufmerksamkeit.
Hinzu kommen Nachweise bei weiteren Tierarten und erstmals neurologische Erkrankungen bei SHAV-infizierten Pferden.
Für die Praxis bedeutet dies:
SHAV gehört ab sofort in die Differenzialdiagnostik.
Bei akuten Fiebergeschehen mit Milchrückgang und Durchfall ebenso wie bei Aborten, Totgeburten und missgebildeten Kälbern sollte an SHAV gedacht und geeignetes Material zur Labordiagnostik eingesandt werden.
Das Geschehen des Sommers 2026 zeigt erneut, wie schnell sich vektorübertragene Viren in mitteleuropäischen Nutztierpopulationen etablieren können.
Die nächsten Monate werden zeigen, welche langfristige Bedeutung SHAV-EU1 und SHAV-EU2 für Rindergesundheit, Reproduktion und Bestandsbetreuung tatsächlich entwickeln.
EG Hellwig
Fachtierarzt & Agrarwissenschaftler
Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA), Birkenweg 7, 48565 Steinfurt, tel +49-02551-7878; info@ava1.de / www.ava1.de
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